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Texte
Zum
Abschied Prof. Peter Idens als Leiter der Abteilung Schauspiel der Hochschule
für Musik u. Darstellende Kunst Frankfurt/M.:
VORSICHT! IDEN!
Ein
polemischer Fallrückzieher
von Frank Riede
Wie verschiedentlich gemeldet, gibt Prof. Dr. Peter Iden die
Leitung der Schauspielabteilung der Frankfurter Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst mit Ablauf des Sommersemesters 2006 auf. Iden prägte die
Schauspielausbildung in Frankfurt seit 1982.
Frankfurt a. M./Berlin, im Juli 2006. Das bedeutet, dass Iden, eine durchschnittliche
Schauspielschulstärke von acht Studenten pro Jahr zugrundegelegt, ungefähr
230 Schauspieler ausbildete – zweihundertunddreissig theoretisch gebildete,
technisch versierte, gewaltbereite, körperlich hochgerüstete, emotional
bis an die Zähne bewaffnete, moralisch unabhängige Menschen, die er
zusammen mit seiner eingefleischten Dozentenschar geformt hat. Dieser
Umstand gibt Anlass zur Sorge! Zweihundertdreissig Schauspieler, die Iden
prometheisch nach seinem Bilde geschaffen hat? Die ihm ergeben sind?
Zweihundertdreissig Schauspieler, das ist a little liberal army. Zweihundertdreissig Schauspieler das sind
sieben bis zehn Stadttheaterensemblestärken, das sind mehr als zehn Prozent
der momentan an deutschen Theatern fest angestellten Schauspieler.
Zweihundertunddreissig – eine Zahl, die
einen schwindelig werden lassen kann, wenn man sie in den Kontext der
Biografie Idens stellt.
Peter Iden begann dreiundzwanzigjährig zu
publizieren und sich Feinde zu machen. Die Fama geht, Iden habe mit
Boxberichterstattung angefangen, dann habe er über gemässigtere Fußballkommentierung die härteste aller Sportarten für sich
entdeckt: das Theater. Er soll Assistent des Theaterkommunisten und
-neuerers Piscator gewesen sein, der ihn mit eindeutig dissidenter
Theaterpraxis infizierte. Mit 28 Jahren begründete er 1966 die Frankfurter
„Experimenta“ zusammen mit Karlheinz Braun. Ein weiteres Gerücht raunt von einer
legendären Frankfurter WG, bestehend aus Iden, Braun und Bazon Brock (ganz
ähnlich einer zeitlich früheren, weiter östlich situierten studentuösen
Wohngruppe, nämlich der polnischen von Marcel Reich-Ranicki, Andrzej Wirth
und Karol Wojtyla, von denen es jeder zum Papst brachte – sic!). Nach der
Experimenta, die als deutlich subversives Gegengewicht zum Berliner
Theatertreffen aus der Taufe gehoben worden war, widmete sich Iden der
Unterstützung der Theaterrevoluzzer Stein & Peymann, welche in die Kaperung
der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer mündete – auch hier wieder eine
Unterwanderung bürgerlicher Theaterinstitute – ‚Krawattentheater’ (M. Merschmeier in: TheaterHeute-Jahrbuch,
1968) lautete das Feindbild. Bestätigten Berichten zufolge sass nach
Vorstellungen der Schaubühne damals Iden, im Schafspelz bürgerlicher
Situiertheit mit Krawatte, inmitten des obligaten kommunikativen Kreises der
Theaterkommunarden, um ihr ästhetisches und klassenkämpferisches
Bewusstsein zur noch genaueren Wirklichkeitsspiegelung zu analysieren und zu
schärfen. Später formulierte Iden infam deutlich sein Credo: „Theater als
Widerspruch“. Iden war inzwischen fest bestalltes Redaktionsmitglied der
linksliberalen Tageszeitung ‚Frankfurter Rundschau’, und warf von hier aus
sein konspiratives Netz aus. Nicht nur als Theaterkritiker, sondern auch in
Bereiche der Bildenden Kunst. Was ihn bis zur Position des
Gründungsdirektors des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, seinem
eigenen Museum, das ihm nur mit Mühe von der Restauration zu entreissen
war, führte, in unzählige Kunstgremien und noch mehr nicht-öffentliche,
unkontrollierbare Zirkel. Und im Theater wurde er unübergehbar, als Theaterrichter,
als Intendantenmacher, als graue Eminenz, als Kritikerdoyen – beispielhaft
Idens eklatante Beteiligung an der Theatertreffen-Jury. Die Übernahme der
Leitung der Schauspielerausbildung in Frankfurt war da nur folgerichtig
im Sinne einer Unterwanderung des überkommenen Systems. Die Rekrutierung
und Ausbildung von Schauspielern ist ein strategischer Hebel für einen, der
das Theater und die Welt revolutionieren will – die Welt braucht es.
Soweit kürzest zur Strategie Idens und
seinen Vorgehensweisen. Diese könnten einem Machtkalkül geschuldet sein, das
nur Eitelkeit und persönlichen Vorteil will. Erschreckend an Peter Iden aber
ist, dass ihn Macht und Einfluss nicht um ihrer selbst willen interessieren,
sondern dass er etwas will, was ausser ihm selbst liegt und auf etwas zielt.
Iden ist ein Überzeugungstäter, ein Radikaldemokrat, der zuweilen perfide
sich der Mimikry bedient, indem er sich restaurativ oder konservativ gibt –
aber in Wirklichkeit dies nur ein kalkulierter Schritt ist, um langfristig
die Welt zu verbessern, ja: zu retten.
Um
Iden zu verstehen,
sollte man sich mit Fußball
beschäftigen – und zwar jenseits Herberger’scher Allgemeinplätze und
Hegel’scher Welterklärungsversuche. Kurzfristig geht bei der
Mannschaftsformung nichts – siehe Klinsmanns gescheiterten WM-Versuch dieser
Tage – es bedarf eines langfristigen Masterplanes. Und dieser Masterplan
beginnt bei der Jugendarbeit. Also im Theaterbereich bei Schauspielerausbildung.
Iden stellte für die Frankfurter
Schauspielschule eine Dozentenriege auf, die aus der Theater-Praxis kommt,
soweit nicht technische Fächer betreffend. Jeder Schauspiellehrer ist für
den Studenten abends auf der Bühne visibel, kann in Ansprüchen und
Forderungen überprüft werden an seiner eigenen Arbeit. Die Verzahnung der
technischen und spielerischen Unterrichte ist Iden wichtig. Es geht nicht um
Drill, sondern um die Einsicht in die Notwendigkeiten, die Ausbildung der Sensorien
bei den Eleven. Beispielsweise nicht „Schön“sprechen oder „Selbst“sprechen,
sondern den je eigenen Gestus zu finden, ebenso in der Körperarbeit, die
darauf abzielt, nicht individuelle Mankos zu kompensieren, sondern bewusst zu
machen und dadurch zur Stärke umzuwidmen, indem sie beherrschbar werden. Dies
führt auch zu einer Eigenverantwortung des Studierenden, der sich nehmen
muss, was er braucht, fordern muss. Ein weiteres Kennzeichen für Idens Vision
von einem Schauspieler ist die Tatsache, dass die Eleven in Frankfurt nicht
Schüler genannt werden, sondern Studierende. Iden will mündige Schauspieler,
die selbstreflexiv und selbstbewusst genug sind, um zu wissen, was sie tun
und sich zu behaupten, die sich nehmen, was sie brauchen. Iden propagiert
den erwachsenen Schauspieler. Deshalb auch neben der spielerischen und technischen
Ausbildung jener dritte Schwerpunkt der Frankfurter Schauspielausbildung in
theoretischer, dramaturgischer Unterweisung, welche Iden selbst vornimmt
und die naturgemäss der Indoktrinierung der Studierenden in Idens Sinne
dient. Hier werden sie auf Linie gebracht: Theater ist Widerspruch! sollen
sie lernen. Theater analysiert die Gesellschaft und widerspricht!
Widersprochen werden muss! ansonsten lohnt es nicht, auf die Bühne und ins
Licht zu treten.
Aber Idens Ausbildungskonzept kennt noch
eine vierte Säule. Immer wieder verschleppt er ihm gewogene bis ergebene
Theatergranden nach Frankfurt, manchmal als Gastdozenten, manchmal einfach
als Gäste, um sie mit seinen Studenten zu konfrontieren und um die Studenten
hineinzubringen ins System, sie zu positionieren für Ihre spätere Aufgabe
als Dynamit im System.
Zweihundertdreissig Schauspieler
durchliefen diese Schule. Zweihundertdreissig Schauspieler können ein Land
verändern, eine Welt. Peter Iden, dies als Beispiel seiner strategischen
Wandlungsfähigkeit, hat den Regisseur Einar Schleef scheinbar bis aufs Messer
bekämpft. Fast als einziger, zumindest am Entschiedensten, hat sich Iden
gegen den wahrscheinlich nach Rolf Dieter Brinkmann und Joseph Beuys
sensibelsten, innovativsten, widersprechendsten deutschen Künstler
nach 1945 gewandt. Iden sprach ihm jegliche theatrale Fähigkeit ab, brandmarkte
ihn als ‚proto-faschistisch’. Iden hat sich dabei, nicht zum ersten, nicht
zum letzten Mal, seine Rolle gesucht und sie durchgehalten, um Schleef zu ermöglichen,
um Rühle zu zwingen, ihn immer weiter aufzustellen, das Theater zu zwingen,
nicht an diesem rüden, aufrührerischen Solitär vorbei zu können. Um das
revolutionäre und stilbildende Potenzial Schleefs nicht untergehen zu lassen,
sondern in der Diskussion zu schärfen. Immer wieder mag sich Iden gefreut
haben, wie Schleef das Richtige tut, berauscht und freudig verärgert gewesen
sein über Schleefs neuen Wahnsinn. Was für eine Selbstbeherrschung und –verleugnung
von Iden, dann seine Philippika gegen Schleef zu richten – „Einar wie
keiner“. Nicht altersmilde ist deshalb Idens Kritik zu Schleefs letzter
Arbeit, „Verratenes Volk“, 2001, zu nennen, die Iden bei aller Anstrengung
und zur Schau getragener Skepsis zu Hymnen auf Schleef treibt und womit Iden
dann sein wahres Gesicht zeigt, und beinahe über sich selbst schreibt, als,
wie Schleef, Tollkühnen, Strapazierenden, Unnachgiebigen, Exzessiven, Fordernden, Pardon nicht gewährenden,
Rasenden, Nichtendenden, Radikalen.
Iden wird diese freundliche Decouvrierung
seiner wahren konspirativen Berufung nicht gefallen, aber es muss
ausgesprochen werden, damit Iden nicht weiter unterschätzt werden kann:
Dieser Iden will widersprechen, muss widersprechen. Dieser Iden kann nicht
anders, weil er verändern will, dieses Theater, diese Gesellschaft, dieses
Land. Und dieses Theater, diese Gesellschaft, dieses Land braucht es.
Zwischen zwei Iden’schen Buchtiteln
bewegen sich 30 Jahre bundesrepublikanischer Theatergeschichte: „Theater
als Widerspruch“ und „Theater muss die Welt verändern“. – Darum geht es Iden beharrlich:
Widersprechen, um zu verändern. Und das Theater, die Kunst ist seine Basis,
von der er unnachgiebig nicht lässt.
Gefragt, was man tun solle, wenn man sich
in der rauhen Theaterwirklichkeit als junger Schauspieler behaupten wolle,
erwidert Iden: „Banden bilden. Ein Theater der Freunde etablieren.“ Ein
weiterer Beweis von Idens Gefährlichkeit für alles Bestehende. Wie es
bleibt, ist es nicht.
Wenn eingangs davon die Rede war, dass
Peter Iden nach dem Ausscheiden aus der Redaktion der Frankfurter
Rundschau nun auch die Leitung der Frankfurter Schauspielschule aufgibt, so
ist aus obigen Beschreibungen klar, dass dies nicht dazu führen wird, dass er
privatisiert, wie plumpere und ehemals turnschuhtragende Frankfurter Kämpfer,
sondern dass dahinter mehr stecken muss. Peter Iden hat etwas vor. Er ist
sich bewusst, dass er nun das Feld bestellt hat und es ans Ernten geht.
Zweihundertdreissig Schauspieler warten auf sein Signal. Es geht um
Veränderung. Das deutsche Theater kann sich jetzt erst recht warm anziehen.
Peter den ist unberechenbar. Peter Iden will mehr vom Theater als das
Butterbrot Unterhaltung. Peter Iden ist strategisch. Es ist noch Licht in der
Eckenheimer. Bahnsteigkarten werden nicht mehr ausgegeben. Und wen
interessiert eine rote Ampel. Jetzt geht’s los. Zweihundertdreissig
Schauspieler sind nicht zu unterschätzen. Peter Iden ist brandgefährlich.
© fake – bühne & bildschirm 2006
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Zum Tod Heiner
Müllers:
Frankfurter Rundschau, 16.01.1996, S. 7
Seine
Anwesenheit reichte
Ein junger Schauspieler zur Wirkung der
"Müllermilch"
Von Frank Riede
Heiner Müllers Arbeit geht, glaube ich,
weiter, als die Oberfläche und deren bisherige stadt- und staatstheatrale
"Nutzung" es ahnen lassen. Wenn Müller seine Stücke Projekt-Theater
nannte (Brecht sprach von seinem "wissenschaftlichen Theater" als
Thaeter), so deutet dies an, dass Müllers Arbeit ein Versprechen ist, ein
Versprechen auf Theater, auf ein Theater, das es nicht gibt und nie geben
wird. - Ein jüdischer Kommunist, er hiess Jossi Papiernikow (wirklich!),
sagte über den Kommunismus, der sei wie ein Sonnenuntergang, dem man
hinterherlaufe, aber nie erreichen könne. Wie eine Tangente, die die Nullinie
nie erreichen wird.
Müllers Arbeit ist eine im Sinne von
Foucaults Frage nach dem Autor. Müller schrieb weiter, er schrieb sich ein
und fort bzw. weg: "Manchmal verzögerte er seinen Wiederaufbau, gierig
wartend auf die gänzliche Hoffnung auf das Nichts, die unendliche Pause, oder
aus Angst vor dem Sieg, der nur durch die gänzliche Vernichtung des Tieres
erkämpft werden konnte, das sein Aufenthalt war, ausser dem vielleicht das
Nichts schon auf ihn wartete oder auf niemand; das weisse Schweigen, das den
Beginn der Endrunde ankündigte, lernte er den immer anderen Bauplan der
Maschine lesen, die er war aufhörte zu sein anders wieder war mit jedem Blick
Griff Schritt, und dass er ihn dachte änderte schrieb mit der Handschrift
seiner Arbeiten und Tode" (Herakles 2 oder die Hydra). - Wie Andy
Warhol, der sich wünschte, es gebe keine Namen mehr und alle wären gleich,
wollte Müller ,verschwinden'.
Müller "dockte" sich an die
Arbeit anderer und früherer an. Zum ersten Mal nahm ich (Jahrgang '67) ihn
auf einer Veranstaltung in der Bonner Brotfabrik ca. 1987 während meines
Zivildienstes wahr. Da trug ein kleines bebrilltes DDR-Männlein, wie mir
damals vorkam, einen Text über Panzer und Deutschland (aus der Wolokolamsker
Chaussee) vor, und las jede Zeile, ohne Rücksicht auf Enjambements, mit einer
blechernen Stimme auf Punkt, um nach allen zwei Worten den Kehlkopf den
Lesefluss retardierend aufzustossen. Das war alles andere als witzig oder
lächerlich, sondern ich hörte völlig gebannt zu und besorgte mir darauf seine
Bücher, in denen ich diese Stimme und diese Sprechweise wiederzuhören
glaubte.
Mehr als ein Jahr später war ich als
Assistent für eine Produktion am Frankfurter Schauspiel und wurde von der
Schauspielerin Eva-Maria Strien nach den Proben zu Champagner in den Fundus
eingeladen, wo wir auf der lächerlichen "Terrasse" draussen mitten
im Verkehr der Neuen Mainzer Strasse sassen, und regelmässig Müller sich
hinzugesellte, der auf seine damalige Freundin, die auch Schauspielerin war,
wartete und uns pointenlose Witze erzählte und auf ein weiteres Glas einlud.
Ich konnte den Autor der von mir geliebten Stücke und diesen Witzeerzähler
("Ein Mann steht morgens vorm Spiegel und sagt: Kenn' ich nicht, wasch'
ich nicht!" - zum Beispiel) nicht zusammenbringen. Bei meiner Aufnahmeprüfung
zur Frankfurter Schauspielschule spielte ich den ersten Text aus der
Hamletmaschine vor, und eine Lehrerin bat mich, den Text als Mutter zu einem
Kind zu spielen. Ich wurde da nicht aufgenommen, sondern erst ein Jahr später
ohne Müller-Rolle.
Wenn das Theater ein Raum ohne Fenster
ist, wie bei den Schildbürgern das Rathaus, also ein Versprechen auf einen
Raum ohne peripheres Rauschen, in dem Stimme, Körper, Raum, Licht zur Geltung
kommen als konstituierende Momente des menschlichen Ausdrucks, befreit vom
alltäglichen Grundrauschen, so ist die Müllermilch die Partitur dazu.
Seit zweieinhalb Jahren, nach Gastspielen
am Theater am Turm, in Wiesbaden, Frankfurt und Stuttgart und beim ZDF
während der Schauspielschule, bin ich nun am realexistierenden Theater am
Kölner Schauspielhaus, und Müllers Huldigung des Augenblicks, wie er ihn in
seinem Text von 1958 Der glücklose Engel als Antwort auf Benjamins Engel der
Geschichte beschreibt, ist für mich weiterhin und immer noch, obwohl ich die
Müllermilch mit ihrer frakturgesetzten Deutschlandfixiertheit inzwischen
"singen" können sollte (gerade spielen wir hier Müllers Übersetzung
von Shakespeares As you like it,) eine Utopie für unser Theater, das sich
nicht einlöst: "Dann schliesst sich über ihm der Augenblick: auf dem schnell
verschütteten Stehplatz kommt der glücklose Engel zur Ruhe, wartend auf
Geschichte in der Versteinerung von Flug Blick Atem. Bis das erneute Rauschen
mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen
Flug anzeigt."
In der schwierigen Situation, in der sich
das realexistierende Theater, das Zuschauer und Geld braucht, heute befindet,
scheint mir Müller ein guter Ratgeber und Mentor zu sein, weil er das Maximum
fordert: den Augenblick und den Rückblick, zudem die klare Entscheidung zum
Widerspruch und zur Unterhaltung und zur Haltung (gegenüber Gesellschaft und
sich selbst)!
Auf dem Nachhauseweg nach der heutigen
Vorstellung hörte ich Gil Scott-Herons The Revolution will not be televised:
Wenn die Revolution kommt, könnt ihr eure Fernseher vergessen, es wird keine
slow-motion davon geben, keine Nahaufnahmen, keinen Zoom, es wird einfach
passieren, die Körper werden da sein, oder auch nicht. William Gibson schreibt in Neuromancer: "The
sky above the port was the color of television, tuned to a dead
channel." - "Ich erwachte in anderem Fleisch." Man soll doch
nicht glauben, dass, nachdem Multimedia "Wort des Jahres" wurde,
alles beim alten bliebe, selbst wenn mein Computer noch nicht ans Internet
angeschlossen ist, noch nicht mal ein Computer da ist. Wer hätte vor zehn
Jahren geglaubt, einen Laser im Zimmer zu haben - inzwischen hat ihn jeder in
seinem CD-Player.
Müllers Œuvre gibt gewiss nichts weniger
als Antworten auf die "Probleme unserer Zeit", aber seine Texte
könnten gerade für das Theater ein Beispiel sein, wie man theatral auf die
Zeit reagieren könnte, weil sie ein uneingelöstes Versprechen sind: mit der
Besinnung auf die Vektoren von Theater, Stimme, Raum, Körper, Zeit bzw. auf
das Bewusstsein zumindest der Herkunft von Theater. Denn schliesslich muss
das Theater eine Entscheidung treffen zwischen StarlightExpress und Müller
& Co. Leider gibt es wenig Konsorten (zu viele Adepten und Eklektizisten)
und zuwenig Forscher in Sachen Theater (zu viele macht- und geldgeile Theatermacher
am realexistierenden deutschen Theater, die durch Design und Augenwischerei
die Theater leerspielen).
Müllers Theater, sowohl sein
literarisches als auch das, welchem er als Intendant vorsass, bleiben bei
allen Einwänden ein Projektil, das auf das realexistierende Theater schiesst.
Wie es bei Benjamin heisst: "Der destruktive Charakter kennt nur eine
Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach
frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Hass. Der destruktive
Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren
unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes
Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung
seines eigenen Zustands bedeutet (. . .). Der destruktive Charakter ist immer
frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm sein Tempo vorschreibt,
indirekt wenigstens: denn er muss ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die
Zerstörung übernehmen. Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er
hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an die
Stelle des Zerstörten tritt (. . .). Der destruktive Charakter ist der Feind
des Etui-Menschen. etc."
Die Anwesenheit Heiner Müllers reichte
schon.
Müllers Tod hinterlässt (Klischee) eine
Leerstelle für alle, die Theater als etwas jenseits und über die allgemeine
Publikumsbefriedigung begreifen: als Versprechen auf ein anderes, seiner
selbst, seiner Herkunft, Mittel und Klientel bewusstes Theater.
Mir wird angst und bange vor einem
Theater ohne Müller . . .
Vielleicht versteht man, was ich meine:
Müllers Texte sind mir nicht unverrückbar, sondern persönlich eher über als
Müllermilch. Aber sie verwiesen für mich, als er noch lebte, auf die
physische Anwesenheit eines "Anderen", eine Möglichkeit, Theater
aus einem weitaus geöffneteren Blickwinkel zu erfassen, als es Theater
überhaupt vermag, als Perspektive gegenüber all dem Mittelmass, das
allabendlich Publikum erschreckt oder befriedigt, gegen die Langeweile auch
des Fernsehguckers. Die Faust aufs Auge.
Wissen Sie, was ich meine?
Heiner
Müller wird heute in Berlin beerdigt. Frank Riede, geboren 1967, ist Mitglied
des Schauspiel-Ensembles der Städtischen Bühnen in Köln
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FAKE
herbst ’93
Aus der Reihe FREMDWÖRTER FICKEN:
US»BAROCK
Neue
Arbeiten aus Amerika von Kushner, Vawters, Ferrara und anderen lassen das Barocke Trauerspiel wieder aufleben. Die
p.c.-Debatte bleibt hier ausgespart, denn sie scheint abgelöst zu werden vom
"Memento Mori".
Komischerweise klappt die
Fiktionalisierung von Nicht-Fiktionalem selten - imagine:
Innen-Staatssekretär Neusel (den beschoß weiland die RAF folgenlos an einer
belanglosen Bonner BAB-Ausfahrt) als fiktive Film- oder Dramen-Figur - das
gäbe einfach keine Projektionsfläche her.
Reza Abdoh erzählt in seiner
Theaterarbeit THE LAW OF REMAINS von Andy Warhols Versuch, Jeffrey Dahmers
Leben und Taten zu verfilmen. Jeffrey zu Andy:
"Will I become famous? Will I have to die in the end of your
movie?" Es
ist ein Stück über den Tod und den Schmerz, erzählt aber letztlich mehr über
das Funktionieren der Warhol'schen Factory als über den Massenmörder Dahmer,
der nur kurios bleibt, blutiges Ornament. Andy Warhol ist eben die
fiktionable Gestalt per se, er fiktionalisierte sich selbst im Leben und
verschwand als Person. Dahmer dagegen ist nicht fiktionabel- er ist, was er
ist, ebenso klein und unauffällig wie Dahmer, trotz seiner 'großen' Taten.
Nach seiner Verhaftung, so berichten die Streifenpolizisten, die ihn
festnahmen (in: Dr. J Norris' JEFFREY DAHMER. London 1992), schrie Dahmer
sich die Seele aus dem Leib, buchstäblich, denn nach einigen
herzzerreißenden Schreien blieb er stumm, bis auf das einmalige Geständnis
seiner 16 Morde. Dahmer als der nicht-fiktionable Nicht-Fiktionale, Warhol
als der fiktionable Fiktionale? Oder auch: Reality realer than real. (Bei
Abdoh kommt es zu einer Szene, in der Dahmer von seinen Mitspielern mit
Camcordern verfolgt im Publikum unter großem Theaterblutverlust einen
Darstellerkollegen splattert und dabei von seiner Mutter spricht, dazu werden
langsam und würdevoll die Namen seiner Opfer aufgesagt. Die Apotheose statt
staunender Dokumentation Remember: Peter Weiss' DIE ERMITTLUNG, wo
Original-Texte aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozeß, '63-'65, zu einem
Oratorium zusammengesetzt sind.)
Der US-Autor Tony Kushner, dessen Stück
ANGELS IN AMERICA im Frühjahr am New Yorker Broadway zum Stück des Jahres
ge-tony-awarded wurde und in der Spielzeit 93/94 an vielen deutschen
Stadttheatern gezeigt werden wird, läßt in einem der drei ineinander
verwobenen Handlungsstränge Roy M. Cohn auftreten. Der Jurist Cohn war
McCarthy's Adlatus während der US-Kommunistenhatz in den 50ern und ein
gnadenloser Verteidiger amerikanischer 'family-values', berüchtigt für seine
Brandreden gegen Juden, Farbige, Kommunisten und Homosexuelle. Cohn war
selber Jude und homosexuell. Er starb 1986 an AIDS. Seinem Arzt, der ihm
mitteilt, daß er infiziert ist, sagt er: "AIDS ist das, was Homosexuelle
kriegen. Ich habe Leberkrebs. - Ich habe Sex mit Männern. Aber im
Unterschied zu jedem anderen Mann, auf den das auch zutrifft, nehme ich den
Burschen, den ich ficke, mit ins Weiße Haus, und Präsident Reagan lächelt uns
zu und schüttelt ihm die Hand. Was ich bin, wird auch dadurch bestimmt, wer
ich bin. Roy Cohn ist kein Homosexueller. Roy Cohn ist ein hetero Mann, der
mit Typen bumst." Kushners zwei andere Erzählstränge handeln von Louis,
einem jüdischen Homosexuellen, der ebenfalls an AIDS erkrankt ist, sich von
seinem langjährigen Partner trennt, und sich in Joe, einen Gefolgsmann Cohns,
verliebt, der - dritter Handlungsfaden - bislang nur glaubte, unglücklich
verheiratet zu sein, aber nun sein ComingOut hat. Kushners Stück ist
eigentlich ein business-as-usual-Sozio-Küchendrama, wenn es nicht durch
traumatische Barock-Szenen das Bild des Sterbens in der Gesellschaft
überhöhte und durch die pseudo-dokumentarische Darstellung der Figur Cohns
Texten an bsplsw. Hochhuths Arbeitsweise erinnerte. Interessant dabei auch,
wie dieses Stück an das Barocke Trauerspiel mit seinen Traumsequenzen und dem
beständigen Memento-Mori anknüpft. Cohn ist eine, ähnlich wie Warhol in
Abdohs Stück, fiktionable Figur, eine öffentliche Person, die die
Selbstdarstellung und das Einnehmen von Rollen und Haltungen im Leben
vollzog, was sie zu einer geradezu prädestienierten Bühnenfigur macht.
Ron Vawters, Mitglied der WOOSTER GROUP,
zeigte in seinem Solo-Abend ROY COHN/JACK SMITH zwei konträre, an AIDS
gestorbene Homosexuelle. Er spielte Roy Cohn, wie er eine Rede vor einer
Gesellschaft für die Verteidigung amerikanischer Familienwerte hält und
gegen alle Randgruppen hetzt, und rekonstruiert den 60er Jahre
Poeten/Regisseur/Schauspieler Jack Smith, der in Schleier und Pailletten
gehüllt, sich mit Armreifen und Ketten währenddessen behängend, Passagen aus
seinen Stücken und Filmmanuskripten vorträgt. Vawters, der selbst
AIDS-infiziert ist (wie auch Reza Abdoh), zeigte beide Personen nicht kalt
und mitleidslos, sondern mit einem 'Einverständnis', das den dokumentarischen
Charakter nicht konterkarierte, sondern beim Zuschauer eine Haltung
provozierte: Beim Hinausgehen nahm man Partei.
Es bleibt ein schales Gefühl. daß die
Rezeption der oben beschriebenen Arbeiten hier in Deutschland sehr
verschoben, nur ästhetisch sein wird, weil AIDS hier nicht im alltäglichen
Bewußtsein ist, wie in New York - es gab bei uns (noch) keinen Rock Hudson.
Unter Umständen ist die Problematik in der Auseinandersetzung mit diesen
Stoffen ähnlich wie bei deutschem HipHop, der zwar (wie Diederichsen in ANYP
'93 [bestellen: ANYP, Pfuelstr. 5, Kasten 9, 10997 Berlin, 5 DM] schreibt)
dann korrekt sein mag, wenn er aus echtem Fantum entsteht, andererseits gilt
immer noch Freisbergs apodiktischer Satz aus FAKE#1 "Aber du bist nun
mal ein Weißer.", und nichts wirkt lächerlicher, als wenn blonde
deutsche Kids in Ermangelung einer wirklichen attitude gegen Nazis oder für
Umweltschutz rappen ('Absolute Beginners' - die heißen wirklich so). oder auf
einer anderen Baustelle deutsche Stadt- und Staatsschauspieler mit schwarzer
Schminke im Gesicht und mit einem im Zoo beobachteten Affengang Othello
spielen und damit den sozio-kritischen Theaterauftrag (Der Farbige ist auch
ein Mensch. Seid nett zu ihm.) erfüllen wollen.
In Abel Ferraras BAD LIEUTENANT (1992)
wird ein NY-Cop zum Helden, obwohl er eine Figur ist, die es so geben mag,
einen Cop, der drogensüchtig, korrupt, Spieler, gewalttätig ist. Diese Figur,
die in einem Doku langweilig und soziokritisch verarbeitet werden könnte,
wird in BAD LT. mit einer Situation konfrontiert, die wahrlich barock ist:
von der Vergebungsbereitschaft einer Nonne, die von zwei Jungs auf dem Altar
vergewaltigt wurde, deren Namen sie nicht preisgeben will, ist Harvey Keitels
Lt. derart überwältigt, daß das Unglaubliche geschehen kann. Er spürt die
Vergewaltiger auf - er selber hat nichts mehr zu verlieren, denn er hat bei
Buchmachern solche Schulden, daß er auf der Abschußliste steht - gibt ihnen
sein letztes Geld und setzt sie in den Bus, damit sie fliehen können -
Vergebung, Gnade. In einer mit versteckter Kamera vor dem Trump-Building in
der Totale gedrehten Szene wird er in seinem Wagen erschossen, Passanten
gehen vorüber, an der Hausfront das Plakat mit Bill Cosbys riesigem Foto und
dem Schriftzug ALL THAT HAPPENS HERE. Die Überhöhung des nicht-fiktionablen
Schutzmanns zum Schmerzensmann.
Der Umgang mit der Fiktionalisierung des
Realen (genauer: des real Abseitigen, Ungeheuerlichen) ist ähnlich gelagert
in dem Spät-80er US-Film HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER, der erst dieses
Jahr in die hiesigen Kinos kam, und in dem ein fiktiver Henry
nicht-fiktional, d.h. pseudo-dokumentarisch, dargestellt wird - wie es auf
der literarischen Ebene, allerdings sehr platt psycholgisch in der Analyse
der Mordmotive, James Ellroy in SILENT TERROR (deutsch 1989) ebenfalls
versucht, der die Bekenntnisse eines fiktiven Serienkillers imaginiert und
Authenzität durch eingestreute fake-Zeitungsmeldungen herausstellen will.
Witziger und als Genre-Parodie zeigt der belgische Film MAN BITES DOG (1993)
ein Filmteam, das einen Serienmörder, der vorgibt, nur aus finanziellen
Gründen zu morden, porträtiert - dieses selbstreflexive Moment gipfelt darin,
daß die Filmleute - "Könnt ihr mir mal helfen? - Nimm doch mal das
Bein…“ - in einer fürchterlichen Orgie, sich zusammen mit dem 'Helden' an den
Leichen eines jungen Paares vergehen, das er vorher vor ihren Augen (und
unseren) umgebracht hat. Diese Spiel mit dem Genre aber auch mit dem
Voyeurismus, der Sensationslust des Publikums, wird durch den
pseudo-dokumentarischen Stil einerseits sehr komödiantisch, andererseits
fast unerträglich ätzend.
Das Problem des faszinierend Anderen, Abseitigen scheint mir darin zu
liegen, mit welchem Interesse es dargestellt wird (die Horror-. Splatter-,
Trash-Fans werden sagen: mit welchem Interesse es angeschaut wird). Auch die
eine Analyse verweigernde Darstellung (wie Ellis' AMERICAN PSYCHO) negiert
das Problem der Fiktionalisierbarkeit, also auch die Peinlichkeit des Pathos
unabhängig einer persönlichen/autobiographischen Betroffenheit, während
Vawters, Abdoh, Kushner, HENRY, BAD LT. oder selbst MAN BITES DOG ein solches
Risiko eingehen, und folgerichtig natürlich auch falsch verstanden werden
können. Ohne daß diese Arbeiten dabei - auf den aristotelischen
Katharsis-Begriff rekurrierend - auf die Einfühlung des Betrachters setzten,
sondern durch eine fast Brecht'sche Distanz ihre Protagonisten so abstoßend
wie möglich darstellend fiktionalisieren - D0 WHAT YOU FEAR MOST…
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FAKE, Winter ’92 / Frankfurter
Rundschau, November 1992
YOU HAVE THE RIGHT TO REMAIN SILENT! NOT.
Ein
Wettbewerb für junge amerikanische Theaterautoren unter 18 Jahren. Frank
Riede war beim New Yorker "Young Playwrights Festival" und erzählt,
was die US - Kids so umtreibt
YOUNG PLAYWRIGHTS FESTIVAL
“You have the right to hide your feelings.
You have the right to be a victim. You have the right to accept without
question.
If you've got something to
say, don't just sit there - do something. Speak your mind. Spill your guts.
Write a play.
For eleven years, the
Young Playwrights Festival has been listening and doing something to make
sure your message is heard - loud and clear. Every Play gets a detailed
Evaluation. The winning plays are professionally produced in New York, and we
pay for each selected writer to come to town for the castind, auditions,
rehearsals, and opening night.
So if there's something on
your mind that is screaming to be heard, don't keep it to yourself. Let it
out. Sharpen your pencil. Write a play. Because silence is not an option.”
Das "Playwright Horizons", in
dem das "Young Playwrights Festival" für Autoren unter 18 Jahren
stattfindet, ist ein kleines Theater in der 42nd Street westlich des
Broadways in New York. Um dorthin zu gelangen, geht man an ehemals wohl sehr
prachtvollen Kino-, Variete-, und Theaterbauten vorbei, die inzwischen
leerstehen und als Spekulationsobjekte auf den Abriß oder die vorübergehende
Umwidmung zu Peepshows, Sexshops warten. Ein paar Blocks weiter laufen die
großen Broadway-Shows von "Cats" über "Phantom of the
Opera" bis zu "Miss Saigon" - McTheater.
Junges, frisches Fleisch ist rar am
deutschen Theater. Bemerkenswert, daß zwei der von deutschen Stadt- und
Staatstheaterleuten heftigst diskutierten und hofierten Jungdramatiker,
Wemer Schwab und Rainald Goetz, nichts mit dem Theater zu tun hatten, bevor
das Theater begann, sie zu spielen. Rainald Goetz, Jahrgang '54, hat Medizin
und Geschichte im Doppeldoktorpack, Werner Schwab, Jahrgang '58, der als
Modeautor der Saison (s. Interview mit ihm in dieser FAKE) 45 Premieren
begeht, hat Bildende Kunst studiert und seine erste Theaterpremiere vor zwei
Jahren erlebt. - Klar, einerseits ist diese DISTANZ zum Theaterbetrieb eine
Chance, andererseits oft ein Mangel. Eine gezielte wie auch immer gestaltete
Förderung/Ausbildung von Dramatikern (ein etwas unzeitgemäßes Wort ... )
findet jedenfalls nicht statt, zumal keine, die bereits in der Schule beginnt.
An deutschen Schulen wird selten Lust auf Theater verbreitet - was aber wohl
daran liegt, daß Theater, wie es ist, seltenst Lust macht (s.a. die
Leerstelle 'Theaterpädagogik'), bzw. das Theater auch nicht sein Ghetto
verläßt und sagt: Hallo, Welt. (Und vice versa die Welt auch nicht: Hallo,
Theater.)
Im elften Jahr schreibt die "Young Playwrights Inc." einen
Wettbewerb, das "Young Playwrights Festival", an den US-Highschools
für jugendliche Dramatiker bis zum Alter von 18 Jahren aus, aus Hunderten von
Einsendungen werden vier ausgewählt, um professionell in New York inszeniert
zu werden. Eine 'Gebrauchsanleitung' hilft den Jugendlichen, ein Stück zu
schreiben: "In Stücken wird die Handlung eher durch Sprache und
Aktion als durch Beschreibung erzählt; vermeide, wenn möglich, einen Erzähler.
Bühnenanweisungen können nützlich sein, aber sie düifen nicht die Information
des Dialoges ersetzen. Vermeide zuviele Personen - versuche, die Personenanzahl
unter zehn zu halten. Im Theater, im Unterschied zu Film und Fernsehen, kann
man nicht von einem Schauplatz zum nächsten hin- und herschalten. Schau Dir
ein gedrucktes Stück an, um zu sehen, wie man es tippt." - Man mag
in Europa über soviel Pragmatik lächeln, gerade in Deutschland, wo es an fast
jeder Ecke Theater gibt. Aber in den USA kommen die meisten Leute nur mit
Film und TV, kaum mit den wenigen (und teuren) Theatern in Kontakt.
Das erste Stück des YPF '92 hat die
18jährige Aurorae Khoo geschrieben, die asiatischer Abstammung ist. Ihr Stück
heißt "The P.C. Laundromat". Das Kürzel "P.C." steht für
"politically correct". Im Dunkel erklingt EthnoPop. Zwei riesige
Waschmaschinen stehen auf der Bühne, deren Waschtrommeln Monitore simulieren.
Auftritt eines Afro-Amerikaners und einer Weißen in hellen Anzügen. Sie
rappen gutgelaunt a capella und tanzen dazu: "Willkommen im
Waschsalon der brüderlichen Liebe. Hier ist das Waschen eine politische
Aufgabe. - Wir waschen ohne Chlor. Seifenlauge ist unser Favorit. Wir
sind exzellent. - Es ist geöffnet. - Die Herzen sind offen.
Corazons entre vous, für ausgewählte Bewerber. - Wir schleudern,
schleudern, schleudern zum Rhythmus des Rhythmus... - ... zur
Trommel, Trommel, Trommel des Eingeborenen-Lendenschurzes ... - zum
Schlag. Schlag, Schlag ihrer bleichgesichtigen Herzen ... - zum
Quietschen. Quietschen, Quietschen ihrer dreckigen Füße." Dieser
'Chorus' wiederholt sich immer wieder im Stück. Das Problem: Alles soll
strahlend weiß werden, aber richtige 'Eingeborene' gibt es (in den USA -
sieht man von den in Reservaten gehaltenen Indianern ab) nicht. Die Sprache
des Stücks ist durchsetzt mit hispanischen, französischen und anderen
Einsprengseln. Eine Asiatin betritt den Waschsalon, sie hat die Anzeige
gelesen: "Lernen Sie, Waschen zu einer politisch korrekten Sache zu
machen - $1.75 die Maschine" Die verschüchterte Asiatin
lernt, daß der 'melting pot' USA alle 'bleichen' will - sie selber muß Bleichmittel
trinken, und nachdem die beiden Waschsalonrapper ihr vorgemacht haben, wie
es ist, sich in der Waschtrommel zu drehen - ihre Köpfe drehen sich lustig
auf den Waschmaschinen-Monitoren - und sie auch selber drin war, fragt sie
sich nach ihrem Platz in der Gesellschaft und ihrer Identität, um nicht mehr "das
Weiße weiß zu halten, und die Farben als strahlend zu behaupten" (Keep
your whites white./Pretend your color’s bright.). Der running gag wird
nur angedeutet: eine Hispano-Mamma betritt den Laden ... - Weiter geht's.
Die Inszenierung betonte die soziale
Message nicht noch, hatte ein hohes Tempo und ein Rhythmusgefühl, das wie der
Text an eine Clip-Ästhetik angelegt war bzw. MTV ironisiert. Deutlich
spürbar bei Text und Inszenierung sind auch die Einflüsse des HipHop.
"Taking
Control" ist das Stück des Farbigen Terrence Jenkins, ebenfalls 18. Zu Beginn
des Stückes sitzt eine farbige Familie um den Mittagstisch. Die Großmutter
reicht der Enkelin das Brot lächelnd herüber, Vater und Mutter lächeln sich
an, die Kinder sind brav. Easy-Listening-Music umschmeichelt sanft die Ohren,
und die Bühne ist in freundliches Licht getaucht. Das Land des Lächelns? Ein
Stummspiel der Cosbys? (Diesen Prolog hatte der Autor zunächst mit Text
vorgesehen, aber im Laufe der Proben, so erzählt die Direktorin des
Festivals, Nancy Quinn, habe man sich für das stumme Spiel entschieden, um
eine irrealere Wirkung zu erzielen.) Das Licht geht aus und die Darsteller
verteilen sich auf die vier Spielorte des Stückes: Im Zentrum der Bühne eine
Küche, im Bühnenhintergrund ein Fenster, das den Blick auf einen neongrünen
Baum freigibt, davor ein Schrninktisch. Die linke Bühnenhälfte ein anderes
Zimmer mit einer Couch und Bierflaschen. Auf der rechten Bühnenhälfte tritt
Tarae in das Zimmer ihrer Nana (=Großmutter), die Schnaps trinkend auf ihrem
Bett fernsieht. Und es entwickelt sich eine erschreckend realistische Szene.
Tarae, 16 Jahre, bittet ihre Großmutter um Geld für Essen. Aber die demütigt
sie, indem sie ihr vorwirft, nicht angeklopft zu haben, und sie zwingt,
nochmals einzutreten. Essensgeld bekommt Tarae trotzdem nicht. Nana ist ohne
alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft, für die der Baum, Taraes Baum, im
Hintergrund, steht. Die Großmutter quittiert desillusioniert: "Mach
das beschissene Fenster zu. Jedes Mal, wenn ich rausgucke und diesen
beschissenen Baum sehe, denke ich, daß er mir auf den Schädel fallen wird.
Ich werde den Baum fällen lassen, und wenn es das letzte ist, was ich
tue." Mutter und Vater haben sich getrennt und Tarae und ihre
Schwestern Nikki, 14, und Kelly, 17, bei der Großmutter gelassen. Aber die
Großmutter ist eine herrschsüchtige, tyrannische, zynische Alkoholikerin.
Nach jeder Szene wiederholt sich das Stummspiel der glücklichen farbigen
Familie in Variationen des gemeinsamen Fernsehens, Lesens etc. Die nächste
Szene spielt in der Küche, die die Schwestern zum x-ten Mal putzen müssen.
Kelly gesteht Tarae, daß sie schwanger ist, und daß ihr Freund die Abtreibung
diesmal wieder nicht bezahlen will. Tarae "takes control": Sie
geht zu ihrem Vater, der trinkend am TV abhängt, als Tarae zu ihm kommt. Als
sie ihn um Geld für die Abtreibung bittet, will er sie prügeln, gibt ihr aber
dann die Adresse seiner Ex-Frau, die als Nutte arbeitet, was die Kinder nicht
wissen durften. Als die Mutter ihr Geld gibt, wird Tarae klar, daß sie das
Geld nicht nehmen kann, weil es schmutziges Geld ist (da dröhnt die Prüderie
und ein goldener Schuß moralines Papier über die Bühne). Tarae weiß nicht,
was sie tun soll, und geht verzweifelt zu Nana und beichtet Ihr, daß Kelly
wieder schwanger ist. Nana hat den Baum fällen lassen: "Ich habe
diesen beschissenen Baum gepflanzt und ich habe ihn gefällt. Du hättest es
sehen sollen. Drei große, schmierige Nigger kamen mit einem riesigen
orangenen Laster. Sie sprangen alle gleichzeitig mit ihren bereits laufenden
Sägen raus." Tarae: "Diese Familie zeifällt und jemand muß sie
zusammenhalten. Wenn Du nur auf deinem Bett liegen bleibst, muß ich
handeln." - Das Stück nimmt durch seine Direktheit und für sich ein
und durch die genaue Beschreibung der Figuren und sozialen und psychischen
Situation. Viel erinnert an Arthur Miller; man kann sich vorstellen, Cechovs
"Drei Schwestern" wären Farbige und lebten in South Compton oder
der Bronx.
Es folgt Joanna Norlands (18) Stück "Mothers Have Nine
Lives". Zwei
kleine Mädchen sitzen vor einem Puppenhaus und langweilen sich. "Meine
Mutter und Deine Mutter waren beim Wäscheaufhängen. Meine Mutter hat Deine
Mutter direkt in die Nase geboxt. Wie war der Geschmack des Blutes?", singen
sie gemeinsam und streiten sich, welches Spiel zu spielen ist. Bis sie sich
einigen: "Mammies, natürlich. Das ist das schönste Spiel." Die
erste Mutter tritt auf, es ist Louise. Sie ist eine schwangere, berufstätige
Frau und gibt Fetzen von Gesprächen wieder, adressiert sie an das Publikum. "'Haben
Sie Ihren Krankenschein dabei: fragt der Mann an der Krankenhauspforte./'Dr.
Saunders bitte in den Aufwachraum’ bittet die Sprechanlage./ 'Atmen
Sie tief ein. Sind sie bereit?,' fragt mein Gynäkologe. Bin ich bereit? Aber
ich bin nicht einmal gefragt worden, ob ich Mutter sein möchte." -
So endet dieser Monolog. Das Spiel der beiden Mädchen leitet über zum
nächsten Monolog einer Mutter und kommentiert ihn bereits. Die farbige Gina
ist Mutter von Zwillingen, lebt von der Wohlfahrt und braucht einen
Kinderwagen, um mit beiden Babies einkaufen zu können. Aber ihre
Sozialarbeiterin kann ihr nicht helfen, so ruft sie eine Zeitung an, damit
die ihr helfen. Margret ist eine Yuppie-Mutter, die als Kolumnistin arbeitet
und vor ihrer Entbindung von sich sagt: "Ich brauche keine Zauberworte.
Weil ich mit einem König verheiratet bin und er mir alles geben kann, was ich
für mich und mein Baby brauche." Sie erzählt, daß sie nach der
Geburt ihres Kindes ihren Job aufgegeben hat, um eine "full-time,
over-time, all-the-time mom" zu werden. Wie in einer Revue ziehen
diese sich für ihre Kinder verausgabenden Mütter am Publikum vorbei, sechs
weitere folgen noch. Den Schauspielerinnen, jede von ihnen spielt drei
Mütter, gelingt es, eine jeweils völlig neue Figur zu entwickeln.
Das letzte Stück des Abends hat der
17-jährige Robert Levy verfaßt: "Mrs. Neuberger's Dead". Die TV-
und Filmvorbilder spürt man nur zu unangenehm. Das Stück erschöpft sich
darin, Klischees zu multiplizieren: Marah und Jim sind total cool. Marah hat
ihn verlassen, kommt aber wieder zu ihm zurück. Marah ist Alkoholikerin. Jim
ist Punk. Marah erzählt Jim, daß sie ein Verhältnis mit einer Frau gehabt
habe. Er ist entsetzt. Sie geht aus. Ein junger Bibelverkäufer mit
geheimnisvollem Jesusblick tritt auf und verführt Jim. Marah kommt zurück,
lacht und wenn die die drei nicht gestorben sind, leben sie noch immer
zusammen ... Der Stoff, aus dem schlechter Kitsch ist. Da konnte wohl auch
die Regie nichts mehr retten, auch wenn die Schauspieler sich redlich
mühten.
Den Veranstaltern des Festivals, geht es
um nichts weniger als darum, "die Künste zu einem integralen
Bestandteil der Erziehung amerikanischer Jugendlicher" zu machen.
Nancy Quinn: "Für die Künste kämpfen, sie sind genauso ein Teil
unseres Lebens wie das Atmen. Die Künste gehören in die Schule, sie gehören
nach Hause, sie gehören zu unserem Leben." Natürlich ist dieser
emphatische Idealismus auch vor dem Hintergrund zu sehen, daß die
amerikanische Bundesbehörde für die Subventionierung von Kunst, das 'National
Endowment for the Arts' (NEA), eine immer rigidere Zensur mittels
Subventionskürzungen vornimmt - selbst hierzulande hat man die Schließung
einer Mapplethorpe-Ausstellung in Cincinatti durch die NEA (auf Drängen des
ultra-rechten Senators Jesse Helms, dessen Feldzug gegen Homosexuelle unter
anderem vom Philip-Morris-Konzern gesponsert wurde) registriert .
Die Arbeit der 'Young Playwrights Inc.'
kann aber auch aus globaleren, gesellschaftlichen Gründen nicht hoch genug
eingeschätzt werden: Sind doch die Künste ein Kommunikationsmittel, das es
erlaubt, Privates zu veröffentlichen, und und einen Diskurs zu eröffnen,
dessen Gewinn(?) Affekte, Leidenschaften sein können. Richard Sennett zeigte
in "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens / Die Tyrannei der Intimität"
(1974) auf, daß die gegenwärtige Gesellschaft an einem Ungleichgewicht
zwischen" öffentlichem Leben und Privatleben" kranke. Das
öffentliche Leben, der Austausch mit dem Mitmenschen, ist lästig und
langweilig, das Privatleben wird immer autistischer, weil Gefühle, Affekte
nicht mehr von außen stimuliert werden. Der Mensch als AlltagsSchauspieler
verschwindet, die Interaktion von Selbstdarstellung und Reaktion verschwindet
zugunsten eines radikalen Narzißmus. - Die Unfähigkeit des heutigen deutschen
Theaters, Realität auch nur darzustellen, mag vielleicht aus diesem
Blickwinkel andere Züge annehmen: Wie kommt es, daß Theatermacher sich
autistisch in ihren hermetischen 'Willen zur Kunst' einigeln? Hauptsache das
Design stimmt. Womit wir wieder beim McTheater sind. Drive in, you're
welcome.
Das Erfrischende dieses New Yorker
Theaterabends war seine Direktheit, das Publikum auf welch verquaste,
verstellte, naive Weise anzusprechen und die Gegenwart zur Disposition zu
stellen - nicht die Kunst oder die Ästhetik oder Rezeptionsgeschichte eines
Stückes, wie hier und dort.
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