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2004/2005

Moritz : Brinkmann

BLUNT. SCHNITT. WEITER

Inszenierungskonzeption

(zs. mit Henning Fülle)

 

Link zu den Textfassungen auf „Projekt Gutenberg“

 

 

> Frank Riede

> Henning Fülle

Konzeption 2005

Ein Theaterprojekt

 

Moritz:Brinkmann

Blunt.Schnitt.Weiter

Ein Projekt zur Erkundung des Gefühls für den Aufstand gegen die Wirklichkeit

nach Carl Philipp Moritz "Blunt oder Der Gast" & Texten von Rolf Dieter Brinkmann

 

Ja, als in der Stadt, wo seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimem Wunsche, dass das Feuer nicht so bald gelöscht werden möchte.

Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahnung von grossen Veränderungen.

Carl Philipp Moritz Anton Reiser

Als Motto bei R.D. Brinkmann in Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand

 

Inhalt:

exposé

stimmen

inszenierung

menschen

 

 

exposé

 

Am 15. September 1756 wird Carl Philipp Moritz in Hameln geboren.

Und 2006 feiert er seinen 250. Geburtstag in alter Frische.

Rolf Dieter Brinkmann feiert mit.

Und wir zeigen Blunt.Schnitt.Weiter.

 

//: Wenn die Kulturindustrie den National- und Staatsdichtern Goethe&Schil­­ler&Mann&Co. gan­­­ze Jahre widmet & Mozart vor der Tür steht, so ist das Theater der an­ge­mes­se­ne Ort, um auf ein paar Tage im September 2006 den 250. Ge­burtstag des ‚Schreckensmannes‘ Carl Philipp Moritz gemeinsam mit seinem wiedergefundenen Bruder Rolf Dieter Brinkmann zu begehen. ://

 

1780 schreibt Carl Philipp Moritz die erste Fassung seines Blunt. Die Story ist Pulp Fiction &  schnell er­zählt: Sozial abgestie­gener Fa­mi­lienvater Blunt bringt durch­­rei­sen­­den Gast um, der sich als sein ver­lorener Sohn Carl herausstellt, zurück­ge­kehrt, um die El­tern zu überraschen. Nachdem der Va­ter den Soh­nes­mord er­­kannt hat, ruft er die "hol­de Phan­­ta­sie" an, die Zeit zurückzudre­hen und ihn noch einmal mit der Mord­si­tu­a­tion zu konfrontieren. Das Wunder geschieht, die Phan­ta­sie, durch Blunts Wort beschworen, dreht die Zeit zurück. Wie­der steht er mit erhobenem Mes­ser da und im letzten Augenblick wird der Mord verhindert. Der Vater er­kennt den Sohn & alles wird gut.

 

1781 korrigiert Moritz in Selbstzensur sein Stück für die Buchfassung. Wir kennen die Gründe nicht, aber der großartige theatrale Akt der Anrufung der Phantasie zur Korrektur des Gesche­henen ist gestrichen. Es bleibt nur der Eingriff der Vorsehung in Gestalt der Ehefrau, die in dem Moment der Tat an die Türe klopft und sie damit verhindert. Der Mord findet nicht mehr statt & happy ending.

 

Moritz wohnte & arbeitete, mit der Unterbrechung seines Rom-Auf­enthaltes von 1786 bis 88, seit 1779 in Berlin, zuletzt in der Münzstraße 7, wo er 1793 mit 37 Jahren sein kurzes, fragmenta­risches Leben zwi­schen Aufklä­rung & Ro­­mantik beschloss.

 

Zweihundert Jahre später, im Oktober 1973 bekommt Rolf Dieter Brinkmann vom WDR-Hörfunk ein Tonbandgerät & Mikrofon geliehen – damit soll er eine Sendung im Rahmen der Reihe Autorenalltag be­streiten. Die Sendung dauert bei der Ausstrahlung 1974 knapp 49 Minuten. Allerdings haben sich in den drei Monaten der Auf­nah­me­tä­tig­keit insgesamt etwa 11 Stunden Material angesammelt, die 2005 unter dem Titel Wörter Sex Schnitt. veröffentlicht werden. Ein Dichter läuft durch seinen Alltag, beschimpft & beschreibt die Stadt & beschwört seine Sehn­sucht: ACH, ICH TRÄU­ME VON GANZ AN­DE­REN LAND­SCHAFTEN, WÄH­REND ICH HIER DURCH­GE­HE.

 

Brinkmann beruft sich auf Moritz, zitiert ihn leitmotivisch, kommt immer wieder auf ihn zurück. Wie dieser war Brinkmann in Rom und wie dessen Leben ist auch seines frag­men­tarisch geblieben, wie beider Werk - Brinkmann  wird 1975 beim Verlassen des Shakes­pea­re Pub in London überfahren. Er stirbt mit mit 35 Jahren in einem Kreisverkehr.

=

September 2006. In dem Projekt Blunt.Schnitt.Weiter führen wir Moritz und Brinkmann zusammen, deren Biografien, aber auch deren unbelehrbarer Subjektivismus sich so sehr ähneln: Carl Philipp Moritz + Rolf Dieter Brink­mann = 2 Schrec­kensmänner der deut­schen Literatur, zwei von einem Schlag. Erschreckend die Ähnlichkeit beider bis hinein in ihre Physiognomien.

 

Wir wollen sie als gemeinsamen Autor des Projektes Moritz:Brinkmann nennen.

 

In der Inszenierung von Blunt.Schnitt.Weiter erzählen sie ge­meinsam Moritz‘ Stück Blunt, das als Uraufführung einer neuen Fas­sung auf die Bühne kommt. Brinkmann wird dabei zum Stell­­vertreter des Autors. In seinen Radiotexten von 1973 be­schreibt er einerseits seine Wirklichkeit, seine Umgebung, das, was er sieht. Andererseits seziert er seine Arbeit und sein Leben, sei­nen Misserfolg und seine Unfähigkeit zum Erfolg. Moritz wie Brinkmann erfahren an ihrem eigenen Leben, dass die grandiose Behauptung der Klassiker & Mainstreamliteraten ihrer Zeiten, die Menschen seien Herren ihres Schicksals, für den Einzelnen nicht gilt. Das macht sie rasend.

 

In Blunt entdecken wir die Vorwegnahme von heutigen Er­zähl­formaten, wie der Soap Opera: Das Erhabene und das Triviale gehen darin eine Symbiose ein, die an Pulp Fiction erinnert.

 

Die zeitgenössische Wahrnehmung ist geprägt durch fiktionale Produktionen auf allen Medienkanälen und -formaten, die emo­tio­nalisierend zu erzählen, zu informieren vorgeben – und blos­ses Umfeld für Verkaufen sind, als Wer­be­umfeld für Produkte, Meinungen, Ideo­logie-Derivate. Das Transportmittel da­zu sind STO­RIES & EMOTIONS, Erzäh­lungen als Gefühlsattentate, die den Konsumenten nicht allein erreichen wol­len, sondern ihm Einfühlung, Empathie und Mitleiden und Identifikation auf­drän­gen, um so in seine Seele zu dringen.

 

Blunt ist die früheste Vorwegnahme von Popliteratur, einer Gattung, die sich wohlverstanden die Erkundung des Alltags auf die Fahnen geschrieben hat, authentisches wie be­kennt­nis­haftes (immer: autobiografisches) Zeugnis vom radika­len Sub­jekt abzulegen, und eine Unterscheidung in U(nter­hal­tungs-)- & E(rnste) Kunst schlichtweg leugnet. Moritz ist der Urahn dieses Zirkels von Autoren, die ewig Teil einer Jugendbewegung sein wol­len, & Brinkmann brachte 1969 die US-Pop-Literatur mit seiner Anthologie ACID nach Deutschland.

 

Ei­gentlich ist das Stück eine Familiengeschichte, wie sie sich unter den Vermischten-Mel­dun­gen der Zeitungen findet. Eine Merk­würdig­keit eines Sohnesmordes – doch es wird mehr da­raus, indem das Wunder durch einen Zaubertrick geschieht: Der Autor drückt die Rewind- & Re­­play-Taste und alles wird anders: Als könnte der Mensch mit seinen Worten & Gedanken die Welt aus den Angeln heben, sie nach seinen Wünschen & Visionen gestalten. Um diesen Auf­stand geht es: Deine Welt ist änderbar! Versuch es!

 

Wenn die Figur Blunt alptäumt, sein „Demon“ habe ihm befohlen, ein Menschenleben zu opfern, damit er aus dem sozialen Abstieg herausfinde und einen „Schatz“ gewinne, so geht es um Wahnsinn als Methode, den Träumen, auch den Alpträu­men, zu folgen & zu gehorchen. Die Fra­gilität zwischen noch Alltag und schon Wahnsinn. Das Dasein auf des Mes­sers Schneide. Und der Aufstand gegen die Zwangs­läufigkeit und Determiniertheit der Ver­hältnisse und Lebensläufe, die aus dem jeweils Einzelnen heraus veränderbar ihm scheinen.

 

In Blunt.Schnitt.Weiter projizieren wir auf die Matrize des weit­hin unbe­­­kannten Stückes Blunt die Medien­gegen­wart ominipräsenten Entertainments, mischen das Stück neu ab mit Fall­beispielen psychisch Kranker aus Moritzens Psychopathologie Maga­zin für Erfahrungssee­lenkunde sowie Fällen von Heute, wie etwa der Kindsmörderin aus Frank­furt/O. oder des ‚Pi­a­no-Mannes‘ als Clips, und stellen Moritz einen Bru­der im Geiste, seinen Wiedergänger Brink­mann, an die Sei­te.

 

Blunt.Schnitt.Weiter entwickelt sein Thema der Wirklichkeits- & Wahrnehmungsfragilität aus dem Bühnenbild eines Schranks he­raus. Die Wohnzimmerschrankwand als Bild & als Sinnbild – für Familie, Bürgerlichkeit; & als Versteck & Keimzelle für den Aufstand in der Aussenwelt.

 

Das Projekt Blunt.Schnitt.Weiter wird eingeführt durch einen Videowalk durch die heutige Stadt, in welchem die nächtlichen Beutezüge Rolf Dieter Brinkmanns durch die Stadt Köln aufscheinen. Damit wird der Bogen gespannt von der Verzweiflung der bei­den Autoren, sich der Wirklichkeit zu bemächtigen oder doch: sich zumindest in ihr, ihr gegenüber zu be­haupten; vom Dunkel der unbeleuchteten Stadt zum Flimmern der Leuchtkörper, der Dioden, der Fernsehschirme & Leinwände, der Allgegen­­wart des Scheins der Erleuchtung in der Gegen­wart, die kein Dunkel  mehr zu kennen scheint, es nicht mehr ertragen kann. Und in den Schat­ten der Toreinfahrten, hinter den Müllkübeln, auf den Sitzschalen an den Tramhalteplätzen und hingestreckt in den Pissrinnen, un­ter den ver­krüppelten Sträuchern, in den Höfen, lungern die Ausgespuckten, die Bekloppten, Verzweifelten – lauter ‚Fälle’, wie sie Moritz in seinem Magazin der Erfahrungsseelenkunde gesammelt hat: psychotische Ausfälle aus der Normalität & den Systemen.

 

Blunt.Schnitt.Weiter wird wie ein B-Movie sein:

dreckig, schnell, krude, blutig, clever und ro­man­tisch.

Mit offenen Bilanzen und ungedeckten Schecks.

Wie jeder B-Movie eine Überforderung, aber eine unterhaltsame.

+

stimmen

 

Goethe schreibt über Moritz:

»Moritz ... erzählte mir, wenn ich bei ihm war ... Stücke aus seinem Leben ... Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin.«

 

Marcel Reich-Ranicki über Brinkmann, 2005:

»Brinkmann war ein unzurechnungsfähi­ger Poet. Aber er war ein Poet. Von Anfang an ging er rücksichtslos aufs Ganze. (...) Der Alltag ist (...) das zentrale Thema seiner Lyrik. Sie wurde für einen zwar oft un­kon­trollierten und einseitigen, doch selbständigen Beitrag zur Poesie der Gegenwart gehalten. (...) 1975 wurde Rolf Dieter Brinkmann in der Innenstadt von London über­fahren. Vermutlich hat er den Linksverkehr nicht beachtet. Er war sofort tot; und die deutsche Literatur um eine Hoffnung ärmer.«

 

Arno Schmidt

schrieb zum 200. Geburtstag von Moritz das Hörstück "Die Schreckensmänner", in welchem er Moritz zum bedeutendsten jener »Menschenklasse« kürt, die auszeichne: »Ihre schöpferische Kraft ist meist gering; desto größer ihre zerstörerische. (...) Sie sind, mit ihrer überscharf gewetzten Beobachtungsgabe, ihrer allumfassenden Rücksichtslosigkeit, die geborenene Autobiographen Und folgert, die 'Schreckensmänner' erhielten so »den Rang von Sprechern des Vierten Standes«, und schwärmt: »I love a good hater - Die letzten genialen Schreckensmänner in dieser Genealogie waren Rolf Dieter Brinkmann und Einar Schleef, sowie vielleicht, als letzter Überlebender, Rainald Goetz. Von Ferne grüsst Walter Benjamins "Destruktiver Charakter".

 

++

inszenierung

 

Vorweg

Unter dem Projekttitel Blunt.Schnitt.Weiter ist die Inszenierung von Carl Philipp Moritz‘ Theaterstück Blunt oder Der Gast sowie Material von Rolf Dieter Brinkmann aus den Radioaufnahmen von 1973 Wörter Sex Schnitt  für September 2006 geplant.

Sie wird der Hauptteil einer Reihe von Aktivitäten aus Anlass des 250. Geburtstages des Autors am 15. September 2006.

 

Der etwa neunzigminütige, pausenlose Abend Blunt.Schnitt.Weiter fügt sich aus fünf Elementen zusammen:

 

·       Die Uraufführung der neuen, kompilierten Fassung des Stückes Blunt oder Der Gast von Carl Philipp Moritz;

·       Rolf Dieter Brinkmanns Radiomaterial von 1973 (dieses Material liegt auf fünf Audio-CDs unter dem Titel Wörter Sex Schnitt vor);

·       ein Videowalk durch die Stadt;

·       die (pop)musikalische Auflösung des Gedichtes Bist du es, holde Phantasie mit Mitteln elektronischer Klangerzeugung & Gesang;

·       sowie live dargebotene ‚Clips‘ auf Basis von Texten aus dem Maga­zin zur Erfahrungsseelenkunde von Moritz, in welchem zeitgenössische Fallstudien zur Psychopa­tho­lo­gie versammelt sind.

 

Videowalk

Im Foyer des Theatersaales oder auf der Fassade werden die Besucher des Abends (und die Flaneure) mit einer Video­pro­jektion einer Schleife eines ungefähr fünf- bis zehnminütigen Films empfangen, in welchem mit dokumenta­ri­scher Kameraführung (Handkamera) in subjektiver Einstel­lung der Fuss­weg zum Spielort abgegan­gen wird.

 

Es könnte Moritz selbst sein, der sich in diesem Videowalk auf den Weg zum Hörsaal macht, und dann doch im Theater ankommt, oder es ist Brinkmann, der seinen Stadtgang von 1973 durch Köln wieder aufnimmt. In dem Video begegnet die Kamera neben dem unins­zenierten Strassenbild wie zufällig hineinkomponierten Men­schen, die ‚Fälle‘ aus Moritzens Erfahrungsseelenkunde sein könn­ten, oder eben Menschen, wie sie im Berliner Strassenbild immer häu­­fi­ger anzutreffen sind: Gestrandete, durchs Raster gefallene, Verarmte, Ver­­zweifelte, Verrückte. Ausserdem den Figuren des Stücks Blunt. Alle wer­­den von den Darstellern, denen der Zuschauer später wieder be­geg­nen wird, gespielt.

 

Die Projektion des kurzen Filmes gibt dem Abend Ort & Zeit vor, die Stadt & die Gegenwart bleiben nicht aussen vor, sondern werden in den Theaterort hinein­genommen. Der Besucher erkennt Teile seines eige­nen Weges ins Theater wieder, nimmt seinen Weg mit hinein ins Thea­ter. - So wird der Off-Filmton ihn auch weiter bis an seinem Platz beglei­ten: Im Treppenhaus, im Foyer, und auch im The­atersaal raunt und spricht es die Texte des Filmes.

Gleichzeitig ist dieses Video und das dazugehörige Sound- und Text­ma­terial ein subjektiver Blick, nämlich der des Autoren – besser ge­sagt: der Autoren, nämlich Moritz und sein Urur­enkel Brinkmann.

 

Im Videowalk verschränken sich die Zeiten, Vertrautes mischt sich mit Merkwürdigem, Absurdes mit Ernstem, die Orte oszillieren. Texte über Carl Philipp Moritz und seine Zeit, über Berlin im 18. Jahr­hun­dert ver­mischen sich mit Köln-Beschimpfungen von Brinkmann, denen man die 70er Jahre in der Bundesrepublik anhört, und auch im Bild ist die Stadt nur scheinbar lediglich zeitgenössisch, es wird durch die hineininsze­nier­ten Begegnungen flirrend aufgeladen.

 

In einem Crossfade gehen im Theaterraum Film(ton) und The­a­ter­stück(­text) ineinander über, bis sich das Spiel herausschält und durchsetzt.

 

Der Filmton wird abgelöst durch Originalton aus dem Brinkmann-Ma­teri­al von 1973, die Inszenierung subkutan meist durchdringend, zu­weilen aber auch sich in den akustischen Vordergrund drängend als Kommen­tarebene, als Stellvertreter des omnipräsen­ten Autors, des Strippenzie­hers, des Marionet­ten­spielers, des alles immer auch au­to­biografisch Mei­nenden.

 

Durch dieses allmähliche ‚Hineinziehen‘ der Wirklichkeit, der Stadt über den Film & den Ton in das Stück, die Abendunterhaltung, er­fahren die dann auftretenden Figuren eine Aufladung, die über ihre rein figurale hinausgeht. Wenn die spätere Figur Blunt vorher Texte Brinkmanns spricht, so werden diese suggestiv und ohne dass dies weiter beglaubigt werden muss Eingang in die spätere Figur finden. Die Dimensionalitäten erweitern sich. - Wer mag, kann darin auch Foucaults Frage nach dem Autor und die Frage nach dem, der spricht, sehen oder stellen.

 

Im Theater das Stück im Schrank

Über die Breite der Bühne (die breiter als tief sein soll, im Cine­ma­scope-, 16:9-For­mat, als Flach­bildschirm) erstreckt sich eine über­dimensionale, un-stylische Resopal-Schrank­wand aus einem bür­gerlichen Wohnzimmer, nicht Gelsenkirchener Barock, aber auch nicht Sprelakart.

Wir sehen, dass hinter einer sich öff­nen­den Schrankflügeltür (worin normalerweise vielleicht der Fernseher stehen könnte) die Familie Blunt einzuschlafen versucht. In einer anderen Schrank­abteilung befindet sich die 'Kammer' mit dem ebenfalls Schlaf suchenden Fremden Carl, vielleicht im Bar­fach. Hinter vielleicht dem Rauch­glas des Preziosenschrankteils finden der Bürger­meister und Mariane keinen Schlaf.

Wie in einer Soap werden die drei Handlungsstränge, die auch ver­schiedene Spielorte sind, unterschnitten, wird der 'Schrank' ver­lassen und auf der davorliegenden Spielfläche agiert, drei parallele Geschichten.

Wir sehen Menschen von heute, deren darstellerischer 'Naturalismus' bzw. Realis­mus, den sie sich aus Filmen und dem Fernsehen ausleihen, mit der Moritz‘schen (Kunst?)Sprache von 1780 kollidiert - da fällt etwas auseinander & fällt zusammen. Die Kostüme sind heutig und milieugerecht, bis soziale Unterschiede karikierend.

 

Und wenn im Blunt der Vorhang fällt, dann fällt ein Vorhang zwischen Zuschauer & Spielfläche.

 

Clips

An markanten Textstellen, die einen Cliff-Hanger suggerieren (soweit nämlich folgt der Autor Moritz einer vorweggenommenen TV-Drama­tur­gie!) werden Texte aus dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde ver­wandt, die szenisch wie Werbeunterbrechungen funktionieren und Men­schen beschreiben, Seelenkranke.

In diesen ‚Clips‘ vertreten die Blunt-Darsteller die von Moritz in seinem Magazin beschriebenen Ver­rück­ten als heutige – keine Freakshow, son­dern jeweils kurze Image-Flashs von liebenswert bis gefährlich an­deren. Das Moritz’sche Textmaterial wird dabei in eine mehr oder min­der heutige Sprache trans­po­niert, die ein distanzloseres Sprechen er­möglicht – wobei die Fremd­heit und Ferne der Texte sich dadurch ein­stellt, dass unvermittelt Altertümliches wie „musste dann fünf Meilen zu Fuss gehen“ oder „wie uns der Dorfschreiber berichtet“ etc. auftaucht, bzw. dass in den Texten keine Modernismen wie Telefon, Auto, elek­tri­sches Licht usw. vorkommen. Desweiteren haben wir vor, in diese Fall-Sammlung heutige, aus dem Boulevard bekannte Fälle wie die Kinds­mörderin aus Frankfurt/O., den sog. ‚Piano-Mann‘ oder den ‚Kanni­ba­len‘ einzu’schmuggeln‘.

 

Die Darsteller ‚verlassen‘ das Stück und treten sehr nah an die Zu­schau­er heran, vielleicht setzen sie sich in einer Reihe mit einigem Ab­stand voneinander vor die Tribüne, und sprechen sehr leise und kon­zen­triert ‚ihr‘ Zuschauersegment direkt mit ihren Magazingeschichten an. Der Zuschauer hört also nicht alle Fälle, sondern nur ‚seine‘. Die Dar­steller werden dabei einzeln herausgeleuchtet. Man sieht jetzt, dass sie farbige Kontaktlinsen tragen.

 

Aktstruktur

In die Struktur des Moritz‘schen Blunt-Stückes wird über die neue zusammengeführte Fassung hinaus nicht eingegriffen. Herausgearbeitet wird jedoch eine Drei-Akt-Ein­tei­lung des Stückes:

 

1. Akt: Vom Stückbeginn bis zum Mord bzw. Fallen des     

           Vorhanges

2. Akt: bis einschliesslich Gedicht „Bist du es, holde Phantasie“

3. Akt: bis zum Schluss.

 

Jeder dieser ‚Akte‘ besitzt eine andere Temperatur, einen anderen Gestus und ein anderes Thema.

 

Wo es im ersten ‚Akt‘ um Schlaffindenwollen und Nichtschlafenkönnen geht, um Träume, Albträume, Gesichte, Ahnungen, die in den Mord führen, geht es im zweiten um Resignation, Aporie einerseits und andererseits um Confessio, Beichte, Trauer, Schuld und Sühne sowie – wie in einer Transformation – dann eben auch um das Wort, das die Wirklichkeit verändern kann (in dem Gedicht). Im dritten Akt geht es nachgerade ‚klassizistisch‘ zu: Der nicht-aus­geführte, nur gedachte wie gewünschte Mord wird zu einer Diskursgrundlage, ob nicht ein solcher moralisch verwerflicher und menschlich untragbarer sei, als der ausgeführte Mord – durch die Reprisenhaftigkeit des Aktes gewinnt er aber einer fast ironische Leichtigkeit, so als würde der Autor dem aufkeimenden Friede und dem fröhlichen Happyending nicht trauen.

 

Für jeden dieser Akte braucht es andere Spielformen, die herauszuarbeiten Bestandteil der Inszenierung sein wird. Auch das Bühnenbild wird sich von Akt zu Akt modifizieren können müssen und an die Spielweisen anpassen.

 

Musikzentrum

Angel- und Scheitelpunkt, dramaturgisches wie dramatisches Zen­trum von Blunt.Schnitt. Wei­ter ist das fünfstrophige Gedicht Blunts „Bist du es, holde Phantasie...“.

Die Vertonung und die Performance des Ge­dichtes als Song soll emotionalisieren und mitreissend sein: POP.

 

 

Weiterungen

Natürlich werden wir die  einschlägigen traditionsbewahrenden Gesellschaften &  Vereine, die das Erbe unserer Autoren (Moritz & Brinkmann) hoch halten, fragen etwas beizutragen, in Form von Äusserungen, Diskussionsbeiträgen, Manifesten – was auch immer.

 

Doch dabei kann es nicht bleiben: Uns scheint, wir sollten Herrn Theweleit, Herrn Schivelbusch, Frau Jelinek, die Toten Heiner Müller und Einar Schleef zu einem Gastmahl laden, dem lauschend beizuwohnen nur wenigen erlaubt sein wird. (Es mag überlegt werden, es aufzuzeichnen und im Radio hörbar zu machen, irgendwann in einer dunklen, dräuenden Winternacht....)

 

Es könnte auch sein, dass man René Pollesch, Christian Kracht, Rainald Goetz und die Toten Werner Schwab und Sarah Kane zu einem weiteren Gastmahl zusammen bringt.

 

Und vielleicht könnte man mit einem Geldgeber einen Carl Philipp Moritz Preis für junge Theaterdichtung ausloben?

 

+++

menschen

 

Team

Inszenierung > Frank Riede

Dramaturgie > Henning Fülle

Bühnenbild > Esther Hottenrott

Kostüme > Amanda Siegert

Video > Robert Lehninger

Musik > Friedrich Liechtenstein

Produktion > Katharina von Wilke

 

Darsteller

Blunt > Holger Friedrich

Gertrud, seine Frau > Bettina Hoppe (zum Antragszeitpunkt noch nicht angefragt)

Adelheid, ihre Tochter > ChrisTine Urspruch

Carl, der Gast > Anian Zollner

Der Bürgermeister > Moritz Sostmann

Mariane, seine Tochter > Lisa Martinek

++++

 

Biografien

 

Frank Riede > Inszenierung

Theaterwissenschaftsstudium an der Frankfurter Uni bei Hans-Thies Lehmann. Schauspiel­ausbildung an der Hochschule für Musik u. Darst. Kunst Frank­furt/M. Mit Stefan Pucher Herausgeber des Theaterzines „FAKE – bühne & bild­schirm“. Festengagements als Schauspieler am Kölner Schauspielhaus, dem Theater Krefeld/Mönchengladbach, Schauspiel Leipzig & Theater Freiburg. Gast am Staats­the­a­ter Wies­baden, dem Theater am Turm Frankfurt/M., Schauspiel Frankfurt/M., Theater Osnabrück, Staatstheater Stuttgart, Theater Aachen, Sophiensæle Berlin & Schaubühne Berlin. Div. Fernsehrollen. Dramaturgien & Regiemitarbeiten u.a. am Düsseldorfer Schauspielhaus (Thirza Bruncken) , Staatstheater Dresden (Matthias von Hartz), Schauspiel Leipzig (Enrico Lübbe).

Regiearbeiten: am Theater Freiburg - Enda Walshs „Misterman“ & „Männer Frauen Paare - Eine Abendunterhaltung“, Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“; am Theaterdiscounter Berlin - Oscar van den Boogaard „Lucia schmilzt“; am Maxim Gorki Theater Berlin - Johann Sebastian Bach/Don DeLillo „O Ewigkeit, Du Donnerwort!“; am Landestheater Dinslaken - Noël Coward „Hochzeitsreise“.

 

Henning Fülle > Dramaturgie

Nach Lehramtsstudium wissenschafltiche und publizistische Arbeit, Dozent in der kulturellen und politischen Bildungsarbeit , Leitungsfunktionen auf Landes und Bundesebene. Seit 1996 haupt­be­ruf­lich als Produzent & Dra­ma­turg für Theater- und Kulturprojekte für die Berliner Festspiele, Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Heinrich-Böll-Stiftung und andere . 1997 – 2001: Leitender Dramaturg von Kampnagel Hamburg, Kurator des Theaterprogrammes für „Z2000 – Positionen junger Kunst und Kultur“, Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. 2001-2005: Freier Dramaturg mit Stephan Stroux, Jo Fabian, Paula E.Paul, Jo Schramm, Sven Mundt, Matthias Rebstock, Frank Riede u.a.; dramaturgische Beratung für das Brandenburger Theater; publizistische Tätigkeit und Berater der Stiftung Genshagen - Berlin-Brandenburgisches Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa. 2005: Kurator ‚DiskursContainer’ für das 10. Festival ‚Politik im Freien Theater’; Produktionsdramaturg der Uraufführung von ‚Familienbande’ von Rolf Hochhuth (Theater Brandenburg). Lebt in Berlin.

 

Esther Hottenrott > Bühnenbild

Bühnenbildstudium bei Wilfried Minks an der Hamburger Hochschule für Bildende Kunst. Dann so Bühnenbilder & Kostüme für viele Leute, seit paar Jahren mit Martin Kloepfer (Regie): „Anatomie Titus“, „Oedipus/Antigone“ am Theater Freiburg, „Peer Gynt“ Theater Ulm, „Penthesilea“ Nationaltheater Mannheim. Eigene Projekte, z.B. „paare“ in München (2004). Ist in Berlin situiert.

 

Amanda Siegert > Kostümbild

Studium der Theaterwissenschaften an der Hochschule für Musik & Theater Hans Otto in Leipzig. Ausstattungsassistentin am Theaterhaus Jena 2001 – 02, am Theater Freiburg 2002 – 05. Eigene Ausstattungen: „Misterman“, „Männer Frauen Paare“ am Theater Freiburg, sowie „Hochzeitsreise“ am Landestheater Dinslaken (Regie: Frank Riede), Kostüme für „Männer“ (Tobias Lenel), „Mahagonny“ (Gerd Heinz), „Schweine“ (Christian Doll), „Salzwasser“ (Arno Fliegauf), „Zauberflöte“ (Peter Hailer – Theater Erfurt), „Auf der grossen Strasse“ (Thomas Krupa – Schauspiel Frankfurt).

 

Robert Lehninger > Video

1995-2000 Studium der Mediengestaltung an Bauhaus-Universität Weimar; 2000-2002 Regieassistent am Theater Basel.

Videoarbeiten und -filme für Stefan Bachmann, Lars-Ole Walburg, Albrecht Hirche, Samuel Schwarz, Florian Fiedler, Joachim Schlömer, Stefan Pucher, Christiane Pohle.

Eigene Regiearbeiten am Theater Basel, Deutsches Theater Göttingen, Theater Luzern, Schauspiel Frankfurt/M., Theaterhaus Jena, Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus Zürich.

 

Friedrich Liechtenstein > Musik

the berlin-based actor, entertainer and musician holger friedrich aka friedrich liechtenstein sees his songs as tableaus, or backdrops. the lyrics nestle alongside sounds which seem slightly familiar to the listener. the musicians help transform this all into a unique mood. “today it is not so much about finding melodies, rather it is more about creating a vibe, a certain mood. i come to the musicians with a basic idea - a melody and lyrics -and together with the musicians we create a mood. the backdrops are like the presentation of little mood-setting pictures. a song is also a picture; for me, it is a setting, a back­drop, a tableau.” each of friedrich liechtenstein´s songs has a long story behind it. his lyrics are like collages which combine to bring his past, present, and future to one certain level.

``i was a puppeteer and a sort of one-man theatre. i did a lot of farewell parties. farewell parties at cafeterias and canteens, farewells of all kinds as a kind of performance theatre. one such performance was called easy looking, a theatrical counterpart to easy-listening music. that´s when i hit on the idea to make my own songs. then i got a job performing on the first saturday of every month at the nbi theatre in berlin. that´s where i met hanno leichtmann (ich schwitze nie / paloma / static) and nicholas bussmann (ich schwitze nie).

2004 | cd | "please have a look from above" | by kasar, leichtmann, bussmann | fabrique

2005 | cd | "terrestrische wellen ep" | produced by kasar, bussmann | stereo alpine

 

Holger Friedrich > Blunt

Geb. in Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt). Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Arbeit als Puppenspieler & Schauspieler – zuletzt in Patrick Wengenroths Uraufführung von Martin Heckmanns „Anrufung des Herrn“ am TiF, Dresden. Eigene Regiearbeiten & Performances u.a. am Theaterhaus Jena, Tacheles Berlin & an den Sophien­sæ­len Berlin („Schlafsaal“). Seit 2003 Popstar unter dem Namen Friedrich Liechtenstein.

 

Bettina Hoppe > Gertrud

Absolventin der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Langjährige Ensemblemitgliedschaft am Maxim Gorki Theater Berlin, freie Produktionen mit Bruno Cathomas und an den Sophien­sæ­len Berlin.

 

ChrisTine Urspruch > Adelheid

Von 1993 bis 2002 fester Gast am Schauspiel Bonn (Harald Clemen, András Fricsay, Valentin Jeker, Pe­ter Löscher), Arbeit mit Roberto Ciulli, Joachim Schlömer u.v.a. Diverse Film- u. Fernsehrollen, u.a. als Sams in beiden Teilen von „Das Sams“, sowie als Silke „Alberich“ Haller im WDR-Tatort aus Mün­ster. Lebt in Berlin & Wiesbaden.

 

Anian Zollner > Carl

Ausbildung an der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Engagements am Kölner Schauspielhaus, Burgtheater Wien, Wiener Festwochen u.v.m. Viele Film- & Fernsehrollen, u.a. mit Margarethe von Trotta, Andreas Kleinert, Matti Geschonnek. Lebt in Berlin.

 

Moritz Sostmann > Bürgermeister

Absolvent an der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Engagements am Neuen The­ater Halle, Theater Basel, Maxim Gorki Theater Berlin, Sophiensæle Berlin, Schau­bühne Berlin. Lebt in Berlin.

 

Lisa Martinek > Mariane

Schauspielausbildung an der Musikhochschule Hamburg (Jutta Hoffmann). Theaterengagements am Thalia Theater Hamburg (Jürgen Gosch, Daniel Herzog), Schauspiel Leipzig (Matthias Brenner, Wolfgang Engel, Konstanze Lauterbach, Armin Petras), Schauspiel Frankfurt/M. (Armin Petras). Seit 1997 über 30 Film- und Fernsehhauptrollen. Lebt in Berlin & München.

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   impressum                                                                                                                                                                    © 2012 Frank Riede