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2005/2006
Noël Coward
HOCHZEITSREISE
Burghofbühne
Dinslaken (Intendanz: Thorsten Weckherlin)
Darsteller:
Sabine Weithöner, Lena Münchow, Christian Furrer, Philipp Sebastian
Ausstattung: Amanda
Siegert, Dramaturgie: Lars Helmer, dramat. Beratung: H. Fülle, H.J. Pullem
Konzept für Dinslaken
2005/2006
Frank Riede, 22.05.2005
DIRTY BOULEVARD für
Dinslaken & NRW
Peter
Zadek äusserte sich mal auf die Frage nach Boulevardtheater ungefähr so: Dass
es in Deutschland kein solches gebe, weil es diesem Land an Boulevards, also
breiten Strassen, mangele...
Die
Strassen in der deutschen Provinz sind noch schmaler als in den Großstädten.
Und gleichzeitig ist ebendort, auf dem Lande, die Sehnsucht nach Theater für
breite Strassen umso grösser!
Auf
nach Dinslaken – Strassen verbreitern!
STRASSENVERBREITERUNG
Noel
Cowards HOCHZEITSREISE ist das Stück eines homosexuellen Engländers, der
längst aus dem nach-viktorianischen Mief GreatBritains nach Hollywood
entflohen war, aber noch immer den Brit-Spiessern eins auswischen wollte –
indem er Strassen noch breiter haben wollte, als irgend zulässig. (Dass die
Verfilmung, die 1931 ein Jahr nach der Uraufführung des Stücks bei MGM mit
Clark Gable & Norma Shearer entstand, die Strassen in Selbstzensur des
Drehbuchautors wieder schmaler machte, zeigt das Skandalon & den
Sprengstoff Cowards deutlich: keine Obszönitäten bitte, Sex ist Küssen?)
ÜBERTITELUNG
Der
deutsche Titel HOCHZEITSREISE ist harmlos & vergleichsweise irreführend.
Der englische Titel offenbart, worum es Coward geht: PRIVATE LIVES – ein
Blick hinter die Kulissen der bürgerlichen Institution EHE, mitten hinein in
private Leben, in die Ehehölle, in die EheKOMPROMISSmaschine.
Und
dabei hat Coward nicht den bösen Blick eines Albee in VIRGINIA WOOLF auf die
Ehe, sondern er zeigt sich eher belustigt & amüsiert über die
heterosexuellen Paarbildungsstrategien.
DIE STORY IST SCHNELL
ERZÄHLT – Kleine Analyse-Party
Zwei
masslose Libertins, Elyot & Amanda, haben eine AMOUR FOU, eine nicht
lebbare Liebe, eine Liebe, die vom Partner alles will: Liebe &
Leidenschaft – und stossen damit an die Grenzen der Lebbarkeit innerhalb der
bürgerlichen Existenz – ihre Ehe scheitert, sie bringen die Disziplinierung
zum Zwecke der Harmonisierung (also Lebbarkeit ihrer Beziehung) nicht zustande,
ihre Verrücktheit & Leidenschaft für einander, und ihre Lust an der
Zerstörung des Geliebten ist zu gross für den Alltag – Wie geht eigentlich
‚freie Liebe‘, Libertinage?
Nach
ihrer Scheidung versuchen beide, auf diese Frage in Promiskuität Antworten zu
finden – aber sie finden keine. Und lassen sich, in der Hoffnung,
‚vernünftiger‘ geworden zu sein, jeder wieder auf eine neue Heirat ein – mit
Partnern, die zumindest emotional eher bürgerlich & harmlos sind,
nämlich Sybil & Victor.
Durch
den unsichtbaren deus ex machina (= die Komödienmaschine, welche Coward mit
gewissem humorvollen Sadismus bedient) treffen Amanda & Elyot just in
diesem Moment der Bereitschaft eines jeden von ihnen, endlich einen
bourgeoisen Kompromiss einzugehen und wieder verheiratet und in Liebe mit
ihren jeweiligen Partnern (once & for all & forever, bis dass der
Tod Euch scheidet) zu sein, wieder aufeinander: Die Amour Fou beginnt von
Neuem, denn auch sie höret nimmer auf!
Amanda
& Elyot, die Coward als „zwei ätzende Säuren“ beschrieb, „die zusammen in
einer kleinen Flasche gefährlich brodeln“, stossen zusammen – wenn das nicht
Liebe ist, ist es die BOMBE – und verlassen augenblicklich ihre gerade
Angeheirateten, um sich ihrer verrückten, wahnsinnigen, zerstörerischen
Liebe hinzugeben. Und glauben noch, dass sie eine Alltagstauglichkeit ihrer
Beziehung vernunftbegabt meistern können, wenn sie mit dem Stichwort „Sodom
& Ghomorra“ nur Deeskalation betrieben...
Die
Explosion ist unvermeidlich & geschieht vorhersehbar im 2. Akt, denn eine
nach Aussen funktionierende Partnerschaft verlangt von den Partnern den
Preis, im Privatleben (sic!) die Abgründe jeweils zuzulassen & zulassen
zu lassen und gleichzeitig die je eigene Bestie im Käfig zu belassen – aber
bei Amanda & Elyot kommt das ‚wilde Tier‘ schnell wieder heraus &
zeigt nicht nur die Zähne, sondern will FRESSEN!
Im
dritten Akt ist unser Liebespaar so ver-rückt & entzweit, wie es inniger
kaum geht – und kommen doch wieder zusammen, weil sie sich in ihrem
Kontrastmittel wiedererkennen, nämlich in ihren Gatten, in Sibyl &
Victor, die wie durch einen Katalysator durch die Ehe mit ihnen ihre eigene
Lust an der Zerstörung entdecken (& so zueinander finden) – lächelnd
lässt Coward Amanda & Elyot Hand in Hand abgehen, während das zweite Paar
beginnt, sich bis aufs Messer zu streiten...
...WAS
SICH LIEBT, DAS NECKT SICH ... PACK SCHLÄGT SICH, PACK VERTRÄGT SICH...
STRASSENBAUPROJEKTION
Der
Vorhang ist noch geschlossen, leise Hintergrundmuzakmusik spielt im Einlass.
Dann geht das Saallicht aus, der Vorhang langsam hoch, dazu eine Klavieretüde
über Cowards „Someday I’ll Find You“, mählich kommt das Bühnenlicht dazu.
Wir
sehen eine hell mit Stoff ausgehängte Bühne ohne Türen, der Stoff ist leicht
bewegt. Der Bühnenboden ist mit hellem Tanzteppich ausgelegt. Links steht
eine Terrassenliege, ein kleiner Tisch, irgendwo ein Buchsbaum oder ein
Lorbeerbäumchen, rechts steht ein leichter Sommerstuhl, irgendwie so.
Sybil
steht schon da, auf der linken Seite der Bühne, und blickt ins Weite, wo das
Mittelmeer zu vermuten sein könnte... Elyot kommt von links aus den
Stoffbahnen... Das Stück hat schon begonnen. Sibyl trägt ein weisses
Hochzeitskleid im 20er/30er Stil, Elyot einen weissen Smoking. Man plaudert,
man geht links gemeinsam ab, alles ist schöner als schön, alles perlt, Champagner
liegt in der Luft...
Victor
tritt von rechts auf (oder vielleicht war er schon die ganze Zeit da, hat
aber nichts von der vorigen Szene mitbekommen, so verträumt & selig ist
er bei Anblick des mediterranen Sonnenuntergangs), er trägt einen
traumhaften schwarzen Smoking oder Frack. Die Champagnerluft lässt auch ihn
strahlen, noch mehr Amanda, die jetzt von rechts durch den Stoff hereinschwebt.
Sie trägt ein verführerisches rotes Abendkleid, das tief decolltiert und
geschlitzt ist – falls es das in den 30ern schon gab... Rita Hayworth wäre
neidisch auf sie...
Die
Figuren spielen sehr gross, sehr eitel, sehr selbstbewusst auf und eher nach
vorne, was es ihnen erlaubt, den Kontakt mit ihren Bewunderern im Publikum
aufzunehmen, die Stichomythie ihrer Pointen abzusenden und dabei immer
obenauf zu sein...
Die
Abgänge und Auftritte überschneiden sich fast – Champagner macht eben einen
leichten Fuss, wie schon der selige Juhnke wusste...
Das
Sprechtempo ist sehr hoch & sehr leichtfüssig perlen die Worte &
Pointen...
Die
Szene, in der sich Elyot & Amanda erstmal begegnen funktioniert über das
gemeinsame Singen ihres Liedes „Someday I’ll Find You“... die Bühnenanweisung
Cowards ist präzise körperlich: „Amanda greift sich plötzlich an die Kehle,
so als ob sie ERSTICKEN würde“ , „entspannt sich mit einer Geste, die fast
schon VERZWEIFLUNG verrät.“ , „Elyot ERSTARRT und RINGT NACH LUFT“...
Der
1. Akt gewinnt immer mehr an Tempo in seinem Verlauf – bis er fast atemlos
gerät... Mit den Abgangsworten „Sodom und Ghomorrha“ räumen Amanda &
Elyot die Bühne atemlos & hastig leer, so dass hinten ein Haufen von
Stuhl, Liege, Tisch, Pflanze etc. übrigbleibt... und Victor & Sybil betreten
eine veränderte Bühne, eine leere Bühne...
Im
zweiten Akt ist die Bühne völlig leer und weiss, vielleicht braucht man ein
Bett oder Stühle oder Sessel oder oder oder – jedenfalls nur Versatzstücke...
Amanda & Elyot haben seit Tagen nicht voneinander abgelassen... Sex liegt
in der Luft... Die Unterwäsche, in der sie den Akt beginnen, ist heutig &
sehr sexy (falls sie überhaupt welche tragen?)... Die Kostüme, die sie im
Lauf des Spiels anziehen, sind auch von heute (trés chique, etwa „Sex and the
City“ oder so...) ... die erotische Körperlichkeit spiegelt die sprachlichen
Anzüglichkeiten und gehen schliesslich über in den körperlichen Kampf, der
eine Spielart ihres sexuellen Vergnügens ist... Victor & Sibyl kommen in
einen Boxring, in einen Raubtierkäfig... sie tragen ihre Kostüme aus dem
ersten Akt, nur dass sie nun von ihrer verzweifelten Suche nach ihren Gatten
völlig derangiert sind... Sie sind getrampt oder zu Fuss gelaufen, oder
....
Die
Haushälterin ist naturgemäss gestrichen im 3. Akt, das Bühnenbild ist wie im
2. Akt (oder der Aushang ist weg & wir sehen auf die unangenehme,
hässliche Theaterarchitektur?), Sybil & Victor liegen auf den jeweiligen
ihren Partnern zugeordneten Bühnenhälften... Die Stimmung ist verkatert,
ungemütlich & unversöhnlich – desto mehr bemühen sich alle Figuren um
Klarheit und überspielen ihre Verwirrtheit, worin das komische Potenzial des
Aktes liegt. Die Szenen zwischen Victor & Elyot sowie zwischen Amanda
& Sybil sind geprägt von einem zoologischen Interesse der Kombattanten
aneinander und dem Unverständnis, wie das Gegenüber überhaupt als Partner
für jemanden in Frage kommen kann... Der finale Streit zwischen Victor &
Sybil spiegelt (vielleicht sogar bis in die Choreografie) den Streit von
Amanda & Elyot im 2. Akt... Es ist die Geburt einer weiteren Amour Fou...
Im
Gegensatz zu Cowards Vorschlag, dass Amanda & Elyot Hand in Hand lächelnd
die Bühne verlassen, sich in Victor & Sybil wiedererkennend, bleiben
hier alle vier Personen auf der Bühne – Amanda & Elyot auf der rechten
Bühnenhälfte, Victor & Sybil auf der linken, die Klaviermusik des
Openings erklingt, das Licht zieht auf den romantischen Stand des Anfangs
ein, und es folgt eine kurze (ca. anderthalb Minuten) Reprise aus den ersten
beiden Szenen, nun aber mit den ‚richtigen‘ Paaren, alles scheint harmonisch
& dann kommt es doch noch zum Streit, während das Licht ins BLACK
fadet...
KLAR
Die Schauspieler stehen durch die
Reduktion des Bühnenbildes absolut im Focus, sind sehr ausgestellt, ein
bisschen wie auf einem Laufsteg... ihre Körperlichkeit und Sprachlichkeit
soll eitel wie aggressiv, elegant und lasziv das Publikum verführen... eine
Besetzung sollte im Falle von Amanda & Elyot so jung wie möglich sein
(Mitte 30), bei Victor & Sybil gerne jünger bis gleichaltrig zu den anderen
beiden...
Die Bühnenbildlösung richtet sich einmal
danach, dass es sich bei diesem Stück eben nicht um eine türenschlagende
Boulevardkomödie handelt, andererseits orientiert sie sich an den Gegebenheiten
des Reisetheaters, wo nur mit grossem Aufwand und vielen Kompromissen eine
für alle zu bespielenden Bühnensituationen anpassbare realistische Räume
herstellbar erscheinen... & wenn die Wand wackelt, wenn die Türe schlägt,
ist das doch eher unfreiwillig komisch & armselig...
Und
wo das Bühnenbild auch etatmässig eher preiswert & einfach aber
praktikabel sein soll, muss im Kostümbild
in die Vollen gegriffen werden, auch um Publikumserwartungen zu erfüllen...
Es
geht um Leichtigkeit & Eleganz, um Lust & Spass!
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