|

2004/2005
Don DeLillo, Johann Seb. Bach u.a.
O EWIGKEIT, DU DONNERWORT!
Maxim
Gorki Theater, Berlin, Studio
im
Rahmen der Reihe „Glaube I – Die Bibel“ (B. Cathomas)
Inzendanz: Volker Hesse
Darsteller:
Bettina Scheuritzel, Anian Zollner, Moritz Sostmann, Manolo Palma, Mariel
Jana Soupka
Dramaturgie:
Henning Fülle (Hausdramaturg: Remsi Alkhalisi)
Frank Riede
Konzeptionsversuch
zu Bruno Cathomas‘ BIBEL-Projekt am Maxim
Gorki Theater Berlin, Spielzeit 2004/2005
„O Ewigkeit, du Donnerwort“
Reading BACH – NOW!
Was könnte das sein?
Fünf
Schauspieler (3 Männer, 2 Frauen) erzählen im Studio des Gorki Theaters gemeinsam
eine Geschichte, in die Kantatentexte Bachs verschnitten werden. Das ‚entspannte‘
Erzählen/Vorlesen des zeitgenössischen Textes kontrastiert mit der chorischen
Auflösung der Barockgedichte.
Der
Text Don DeLillos aus UNTERWELT über einen Mann, der ein
Drive-by-Shooting-Video ansieht, wird kontrastiert mit den Barockgedichten
aus Bachkantaten, die mit dem Tod und ihren je eigenen Sünden hadern.
Bei
DeLillo heisst es:
Jemandem im Augenblick
seines Todes zu sehen, seines unerwarteten Todes. Das allein ist schon Grund
genug, wie gebannt vor dem Bildschirm zu sitzen. Es ist lehrreich, sich
anzuschauen, wie ein Mann totgeschossen wird, während er an einem sonnigen
Tag durch die Gegend fährt. Es demonstriert eine grundlegende Wahrheit, daß
nämlich jeder Atemzug auf zweierlei Weise enden kann.
Bei
Bach singt es:
Der Tod bleibt doch der
menschlichen Natur verhaßt/und reißet fast/die Hoffnung ganz zu Boden.//Selig
sind die Toten.//Ach, aber ach, wieviel Gefahr/stellt sich der Seele dar,/den
Sterbe weg zu gehen./Vielleicht wird ihr der Höllenrachen/den Tod
erschrecklich machen,/wenn er sich zu verschlingen sucht,/vielleicht ist sie
bereits verflucht/zum ewigen Verderben.//Selig sind die Toten, die in dem
Herrn sterben.//Wenn ich im Herren sterbe,/ist dann die Seligkeit mein Teil
und Erbe?/Der Leib wird ja der Würmer Speise./Ja, werden meine Glieder/zu
Staub und Asche wieder,/da ich ein Kind des Todes heiße,/so schien ich ja im
Grabe zu verderben. (...)
Vorstellbar
wäre, dass die Darsteller sich ‚frei‘ im Raum bewegen & auf verschiedene
Orte verteilt sind, zusammenfinden zu den Bachpassagen.
Bisschen Theorie & Textbeispiele...
Die
Barocktexte, die die Grundlage der Bach‘schen Kantaten bilden, sollen - ohne
Bachs Musik - als Texte ernst- und wahrgenommen werden & mit heutigen
Texten konfrontiert werden: Die ‚Donnerworte‘ des Barock treffen auf
Individuen, Figuren des 21. Jahrhunderts.
Johann
Sebastian Bach (1685 – 1750) schrieb über zweihundert geistliche Kantaten,
die die Gottesdienste des Kirchenjahres begleiten. Für jeden Sonn- und
Feiertag findet sich mindestens eine passende Kantate.
Ausgangspunkt
der Kompositionen Bachs ist das Wort („Gottes Wort bleibet ewiglich“) und der
Inhalt, der Text.
Die
Texte, die Bach ‚verkantatet‘ hat, sind meist überlieferte Standards,
zuweilen Gedichte von bekannteren Autoren (Paul Gerhard, Martin Luther u.a.)
bzw. Bibelzitate.
In
der Mehrzahl haben die Texte ein Ich, das sich an Gott wendet, um Rat &
Unterweisung nachsucht, aber Gott auch direkt appellativ anspricht. Mitunter
sind die Kantaten aber auch dialogisch aufgebaut, es reden z.B. Furcht &
Hoffnung miteinander (s.u.).
Gemeinsam
ist den Texten, dass sie dem barocken Zeitgeist und seinem ‚Memento Mori‘
Ausdruck verleihen („Der Tod ist doch der menschlichen Natur verhasst“ heisst
etwa eine Kantate) und dass das Ich des Textes mit seiner Vergänglichkeit
hadert oder diese feiert als Glaubensziel.
Johann Sebastian Bach
O EWIGKEIT, DU DONNERWORT
(BWV 60 - 24. Sonntag nach
Trinitatis 1723 - Textdichter unbekannt (1 Johann Rist 1642 & 1. Buch
Mose 49,18, 4 Offenbarung Joh. 14, 23, 5 Franz Joachim Burmeister 1662
"Es ist genung, so nimm, Herr, meinen Geist" - zit. n. J.S. Bach
"Texte - Kantaten, Motetten, Messen, Passionetten, Oratorien, BWV
1-249“, Leipzig (2) 1989)
1. Arie (Alt, Tenor)
Furcht
O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die
Seele bohrt,
o Anfang sonder Ende,
o Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiß vor großer
Traurigkeit
nicht, wo ich mich
hinwende,
mein ganz erschrocknes Herz
erbebt,
daß mir die Zunge am Gaumen
klebt.
Hoffnung
Herr, ich warte auf dein
Heil.
2. Rezitativ (Alt, Tenor)
Furcht
O schwerer Gang zum letzten
Kampf und Streite.
Hoffnung
Mein Beistand ist schon da,
mein Heiland steht mir ja
mit Trost zur Seite.
Furcht
Die Todesangst, der letzt
Schmerz
ereilt und überfällt mein
Herz
und martert diese Glieder.
Hoffnung
Ich lege diesen Leib vor
Gott zum Opfer nieder,
ist gleich der Trübsal
Feuer heiß,
genung, es reinigt mich zu
Gottes Preis.
Furcht
Doch nun wird sich der
Sünden große Schuld
vor mein Gesichte stellen.
Hoffnung
Gott wird deswegen doch
kein Todesurteil fällen,
er gibt ein Ende den
Versuchungsplagen,
daß man sie kann ertragen.
3. Arie (Alt, Tenor)
Furcht
Mein letztes Lager will
mich schrecken,
Hoffnung
mich wird des Heilands Hand
bedecken,
Furcht
des Glaubens Schwachheit
sinket fast,
Hoffnung
mein Jesus trägt mit mir
die Last,
Furcht
das offne Grab sieht
greulich aus,
Hoffnung
es wird mir doch ein
Friedenshaus.
4. Rezitativ & Arioso
(Alt, Baß)
Furcht
Der Tod bleibt doch der
menschlichen Natur verhaßt
und reißet fast
die Hoffnung ganz zu Boden.
Selig sind die Toten.
Ach, aber ach, wieviel
Gefahr
stellt sich der Seele dar,
den Sterbe weg zu gehen.
Vielleicht wird ihr der
Höllenrachen
den Tod erschrecklich
machen,
wenn er sich zu
verschlingen sucht,
vielleicht ist sie bereits
verflucht
zum ewigen Verderben.
Selig sind die Toten, die
in dem Herrn sterben.
Wenn ich im Herren sterbe,
ist dann die Seligkeit mein
Teil und Erbe?
Der Leib wird ja der Würmer
Speise.
Ja, werden meine Glieder
zu Staub und Asche wieder,
da ich ein Kind des Todes
heiße,
so schien ich ja im Grabe
zu verderben.
Selig sind die Toten, die
in dem Herrn sterben von nun an.
Wohlan,
soll ich von nun an selig
sein,
so stelle dich, o Hoffnung,
wieder ein,
mein Leib mag ohne Furcht
im Schlafe ruhn,
der Geist kann einen Blick
in jene Freude tun.
5. Chor
Es ist genung,
Herr, wenn es dir gefällt,
so spanne mich doch aus.
Mein Jesus kömmt
nun, gute Nacht, o Welt,
ich fahr ins Himmelshaus,
ich fahre sicher hin mit
Frieden,
mein großer Jammer bleibt
danieden,
es ist genung
Die Musik Bachs überhöht die mehr oder
weniger schlichten Glaubens- bzw. Angstbekenntnisse der Textgrundlage als
Verstärker – erzeugt PATHOS, ERHABENES, EMPATHIE, welche aber bereits in den
Texten selbst spürbar & erfahrbar sind.
Es soll bei der zu entwickelnden
Performance darum gehen, diese drei - PATHOS, ERHABENES, EMPATHIE – ins
Heute zu transportieren. Die Individuen Bachs treffen auf heutige
Menschen/Figuren.
Don DeLillo UNTERWELT (Underworld, 1997), Teil 2: Elegie für
die linke Hand / I
(S. 183 ff. zit. n. der
dtsch. EA, Köln 1998, Übers. Frank Heibert)
Es zeigt einen Mann, der ein Auto fährt. Es ist die
schlichteste Form von Familienvideo. Du siehst einen Mann am Steuer eines
mittelgroßen Dodge.
Es ist bloß ein kleines Mädchen, das seine Kamera durchs
Rückfenster des Familienwagens auf die Windschutzscheibe des folgenden Autos
hält.
Du kennst das ja, Familien und ihre Videokameras. Du weißt,
wie sich Kinder begeistern, weil ihnen die Kamera zeigt, daß jeder Gegenstand
potentiell aufgeladen ist, eine Million Dinge, die sie niemals mit bloßem
Auge sehen würden. Sie erforschen die Bedeutung unbelebter Objekte und
stummer Haustiere, und sie stochern in der familiären Intimsphäre herum. Sie
lernen, die Dinge zweimal zu sehen.
Hier nun wird vor allem die Intimsphäre der Kleinen
geschützt. Sie ist zwölf Jahre alt, und ihr Name wird nicht freigegeben,
obwohl sie weder Opfer noch Täter ist, sondern nur das Instrument, das es
festgehalten hat.
Es zeigt einen Mann im Sporthemd am Steuer seines Wagens.
Sonst ist nichts zu sehen. Das Auto nähert sich kurz, dann fällt es zurück.
Du weißt, wie Kinder mit Kameras lernen, die entlarvendsten
Momente zu benutzen, die die ganze Familie charakterisieren. Sie brechen
jedwedes Vertrauen, spionieren den ungeschützten Raum aus, erwischen Mama,
wie sie gerade in ihrem unförmigen Morgenmantel und mit Handtuchturban aus
dem Badezimmer kommt und blutleer und gerupft aussieht. Das ist kein Scherz.
Die halten auch drauf, wenn du auf dem Topf sitzt - bei der nächsten
günstigen Gelegenheit.
Das Band hat genau die verwackelte Ereignislosigkeit, die
das typische Familienprodukt kennzeichnet. Freilich ist der Mann in diesem
Fall kein Familienmitglied, sondern ein Fremder in einem Auto, eine beliebige
Figur, jemand, der zufällig auf der langsamen Spur fuhr.
Es zeigt einen Mann in den Vierzigern, der ein helles Hemd
mit offenem Kragen trägt, das Bild ist von Spiegelungen und Sonnenglitzern
durchzogen und oft verwackelt.
Es ist nicht der x-te Video-Mord. Es ist ein Mord, von einem
Mädchen aufgenommen, das glaubte, etwas ganz Simples, vielleicht auch ein
bißchen Schlaues zu tun, indem es einen Mann im Auto filmte.
Er sieht das Mädchen und winkt kurz, ohne die Hand dabei vom
Steuer zu nehmen - eine zurückhaltende Reaktion, die ihn dir sympathisch
macht.
Unerbittlich läuft das Band weiter. Es hat eine zweckfreie
Entschlossenheit, eine Beharrlichkeit, die unabhängig vom Stoff existiert.
Du schaust direkt in den Geist des Heimvideos hinein. Es ist unschuldig, es
ist zweckfrei, es ist entschlossen, es ist real.
Über seinen Kopf zieht sich in der Mitte eine kahle
Schneise, ein netter Kerl in den Vierzigern, dessen ganzes Leben sich der
Handkamera offen darzubieten scheint.
Doch es gibt auch ein Element der Spannung. Du schaust
weiter hin, nicht weil du weißt, daß etwas passieren wird - denn natürlich
weißt du genau, daß etwas passieren wird, und aus dem Grund schaust du auch
hin, aber wenn du zufällig auf diese Aufzeichnung gestoßen wärst, ohne den
Ausgang zu kennen, würdest du auch weiter dranbleiben. Hier ist eine krude
Macht am Werk. Du schaust weiter hin, weil dich die Verbindung von mehreren
Dingen fesselt - das Gefühl von etwas Willkürlichem, Amateurhaften,
Zufälligem, Bevorstehendem. Du hältst das Band nicht für langweilig oder
interessant. Es ist krude, es ist direkt, es ist gnadenlos. Es ist der verwackelte
Teil deines Geistes, der Film, der sich unterhalb all der Gedanken, von denen
du weißt, daß du sie denkst, durch dein Hotelzimmerhirn zieht.
Die Welt lauert in der Kamera, als fertiger Bildausschnitt,
in Erwartung der Jungen und Mädchen, die daherkommen und den Apparat in die
Hand nehmen werden, mit ihm umgehen lernen und den alten Opa beim Frühstück
filmen, ein Schlaganfallwrack mit klaffenden Nüstern, den Cornflakeslöffel im
Babygriff seiner blassen Faust.
Es zeigt einen Mann allein in einem mittelgroßen Dodge. Es
scheint garnicht wieder aufzuhören.
Das Band hat etwas an sich, die Körnigkeit des Bildes, die
sprudelnden Schwarzweiß-Töne, die Kargheit - du meinst, es wäre wirklicher,
lebensnäher als alles ringsum. Die Dinge deiner Umgebung sehen einstudiert
und vielschichtig und kosmetisch aus. Das Band ist überreal, oder vielleicht
eher unterreal, so würdest du es eher ausdrücken. Es ist das, was am
abgeschabten Grund all der Schichten liegt, die du hinzugefügt hast. Und das
ist noch ein Motiv, warum du weiter hinschaust. Das Band wirkt brennend real.
Es zeigt ihn bei seinem verkürzten Winken, mit steifer
Handfläche, wie die Signalschilder an Eisenbahnweichen.
Du weißt, wie sich Familien Spiele ausdenken. Das hier ist so
ein Spiel, nichts weiter, und die Kleine erfindet die Regeln aus dem
Stegreif. Ihr gefällt die Vorstellung, einen Mann im Auto auf Video
aufzunehmen. Wahrscheinlich hat sie das noch nie gemacht, und sie sieht auch
keinen Grund, die Größe des Bildausschnitts zu verändern oder früher
aufzuhören oder zu einem anderen Auto zu schwenken. Das ist ihr Spiel, und
sie spielt und lernt zur gleichen Zeit. Sie kommt sich ziemlich schlau und
einfallsreich vor, vielleicht auch ein bißchen zudringlich, mit der kleinen Prise
Frechheit, die jedes Spiel würzt.
Und du schaust weiter hin. Du tust es, weil es im Wesen des
Filmens liegt, einen kanalisierten Weg durch die Zeit zu schlagen, den Dingen
eine Gestalt und eine Bestimmung zu geben.
Hätte sie freilich zu einem anderen Auto geschwenkt, zum
richtigen Auto zum exakten Zeitpunkt, dann hätte sie den Schützen beim Schuß
erwischt.
Die Zufälligkeit des Zusammentreffens. Das Opfer, der Killer
und das Kind mit einer Kamera. Willkürliche Energien, die auf einen
gemeinsamen Punkt zusteuern. Darin liegt etwas, das dich direkt anspricht,
eine direkte Aussage über Kräfte, die du nicht kontrollieren kannst, Schnittlinien,
die Geschichte und Logik und jede vernünftige Ebene menschlicher Erwartung
zerteilen.
Sie ist einfach hineinspaziert. Das Mädchen hat sich verirrt
und ist hellsichtig in den Horror hineinspaziert. Dies ist eine
Kindergeschichte darüber, wenn man zu weit von zu Hause weggeht. Aber es ist
nicht das Familienauto, das der kindlichen Neugier als Instrument dient, ihrem
Hang zur Entdeckung. Erst die Kamera bringt das Mädchen auf die Bildfläche.
Du weißt, wie das ist mit Ferien und Familienfeiern und wenn
einer mit einem Camcorder aufkreuzt und die Verwandten stehen herum und
reagieren kaum, weil sie bis zum Abstumpfen daran gewöhnt sind, daß sie
gefilmt und gestellt und bei Kaffee und Kuchen auf Video gezeigt werden.
Kurz danach ist er getroffen. Wer das Band oft genug gesehen
hat, weiß durch das Winken genau, wann er getroffen wird. Darauf wartest du,
naturgemäß. Du sagst zu deiner Frau, falls du zu Hause bist und sie in der
Nähe ist, Jetzt kommt gleich, wo's ihn erwischt. Du sagst, Janet, beeil dich,
da ist die Stelle, wo es passiert.
Jetzt kommt gleich, wie's ihn erwischt. Du siehst, wie es ihn
durchfährt, eine Art Elektroschock - dann bäumt er sich auf und fällt gegen
die Tür, oder vielleicht lehnt er sich auch dagegen oder sackt daran
zusammen, das ist der richtige Ausdruck. Er ist zugleich grauenhaft und
unspektalkulär. Das Auto bleibt auf der langsamen Spur. Es nähert sich kurz,
dann fällt es zurück.
Normalerweise rufst du deine Frau nicht zum Fernseher. Sie
hat ihre Sendungen, du hast deine. Aber hier besteht eine gewisse
Dringlichkeit. Sie soll mitbekommen, wie es aussieht. Das Band läuft schon
ewig, und jetzt passiert die Sache gleich, endlich, und sie soll dabei sein,
wenn er erschossen wird.
Und da kommt es schon. Er wird erschossen, in den Kopf
geschossen, und die Kamera reagiert, die Kleine reagiert - es gibt eine
ruckartige Bewegung, aber sie filmt weiter, es kommt zu einem Reflex des
Mitgefühls, einem Nervenreflex, ihr Herz schlägt schneller, aber sie hält die
Kamera weiter auf den Mann gerichtet, während er an der Tür zusammensackt,
und selbst, als du ihn sterben siehst, denkst du an das Mädchen. Auf
irgendeiner Ebene muß das Mädchen
ebenfalls dasein, sieht es dasselbe wie du, unvorbereitet - das
Mädchen sieht dies urplötzlich, und du kannst dich nur wundern, daß es die
Kamera weiterlaufen läßt.
Es zeigt etwas Grauenhaftes, ohne Beiwerk. Deine Frau soll
das sehen, weil es diesmal wirklich ist, keine erfundene Kinogewalt - die
Wirklichkeit unter den Schichten kosmetischer Wahrnehmung. Beeil dich, Janet
, jetzt kommt's gleich. Er stirbt so schnell. Es gibt keinerlei Beiwerk. Es ist
vollkommen nackt. Du würdest ihr am liebsten sagen, es ist wirklicher als die
Wirklichkeit, aber dann fragt sie nur, was das bedeuten soll.
Wie die Kamera auf den Schuß reagiert - eine
Schreckreaktion, die Mitleid und Entsetzen mit ins Bild bringt, den Schock
des Mädchens, die Identifikation des Mädchens mit dem Opfer.
Du siehst das Blut nicht, es läuft wahrscheinlich hinter
seinem Ohr in den Nacken. So wie sein Kopf von der Tür weggedreht ist, durch
Verdrehung des Kopfes siehst du sein Profil nur zum Teil, und es ist die
falsche Seite, nicht die Seite, wo er getroffen wurde.
Vielleicht bist du da ein bißchen aggressiv, daß du deine
Frau geradezu zwingst, es sich anzuschauen. Warum? Was willst du ihr
mitteilen? Gibst du ein kleines Statement ab? Etwa: Jetzt verderbe ich dir
den Tag, einfach so. Oder ein großes Statement? Etwa: Das ist das Risiko des
Daseins. Wie auch immer, du stößt sie mit der Nase auf dieses Band, und du
weißt nicht warum.
Es zeigt, wie der Wagen auf die Leitplanke zuschlingert, dann
kommt verwackelt eine Ahnung von zwei weiteren Fahrstreifen und einem
teilweise sichtbaren anderen Auto, für einen Sekundenbruchteil verschwimmt
alles, dann endet das Band, entweder weil das Mädchen nicht wietergefilmt
hat oder weil irgendeine höhere Stelle, Polizei, Bezirksstaatsanwalt oder
Fernsehsender, entschieden hat, daß jetzt nichts mehr kommt, was du
unbedingt sehen mußt.
Das ist der zehnte oder elfte Mord, den der
Texas-Highway-Killer verübt. Die Zahl ist nicht gesichert, weil die Polizei
annimmt, daß einer der Schüsse auf das Konto eines Trittbrettfahrers geht.
So ein Videoband, das hat schon was, nicht wahr, und diese
besondere Art des Serienverbrechens. Dieses Verbrechen ist geradezu
geschaffen dafür , zufällig gefilmt und sofort gezeigt zu werden. Du sitzt da
und fragst dich, ob diese Art von Verbrechen wahrscheinlicher geworden ist,
seit die technischen Mittel, ein Geschehen aufzuzeichnen und sofort danach,
ohne neutrales Intervall, ohne räumlichen und zeitlichen Ausgleich
abzuspielen, allgemein zugänglich sind. Filmen und abspielen, das
intensiviert und verdichtet das Ereignis. Es schafft das Bedürfnis, es wieder
zu tun. Du sitzt da und denkst, der Serienmord hat sein Medium gefunden, oder
umgekehrt - ein Akt der Schattentechnologie, der verdichteten Zeit und
wiederholten Bilder, streng und glatt und unspektakulär.
Letztlich zeigt das Band sehr wenig. Es ist ein berühmter
Mord, weil er aufgezeichnet wurde und weil der Mörder so oft zugeschlagen hat
und weil das Videoband von einem Kind aufgezeichnet wurde. Die Kleine hängt
also mit drin., Video-Kid, wie sie manchmal genannt wird, denn irgendwie
müssen sie sie ja nennen. Das Band ist berühmt, und sie ist es auch. Sie ist
berühmt auf die moderne Art, ihr Name wird planmäßig geheimgehalten. Diese
Menschen sind berühmt ohne Namen und Gesichter, sind Geister, die außerhalb
ihrer Körper leben, irgendwo da draußen am Rande der Wahrnehmung.
Jemandem im Augenblick seines Todes zu sehen, seines
unerwarteten Todes. Das allein ist schon Grund genug, wie gebannt vor dem
Bildschirm zu sitzen. Es ist lehrreich, sich anzuschauen, wie ein Mann
totgeschossen wird, während er an einem sonnigen Tag durch die Gegend fährt.
Es demonstriert eine grundlegende Wahrheit, daß nämlich jeder Atemzug auf
zweierlei Weise enden kann. Und da ist noch etwas. Da verbirgt sich ein Witz,
ein Hauch von grausamen Slapstick, den du bereitwillig genießt, auch wenn du
ein bißchen Schuldgefühle dabei hast. Vielleicht ist das Opfer ein Tolpatsch,
eine Art Stummfilmdoofi, der klassische Pechvogel. Geschieht ihm doch
irgendwie recht, wenn er sich schon filmen läßt. Denn sobald das Band einmal
läuft, kann es nur ein Ende geben. Das verlangt der Kontext.
Du hast keine Lust, dir irgendwelches Gerede von Janet
anzuhören, das läuft ja andauernd, die zeigen es tausendmal am Tag. Sie
zeigen es, weil es da ist, weil sie es zeigen müssen, weil sie dazu da sind,
für unsere Unterhaltung zu sorgen.
Je öfter du das Band siehst, desto toter und kälter und
gnadenloser wird es. Das Band saugt dir die Luft aus der Brust, aber du
schaust es dir jedesmal an.
nach oben ▲
|