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2008/2009 Frank
Riede & Lars Helmer nach Thomas Mann
BEKENNTNISSE DES
HOCHSTAPLERS FELIX KRULL
Landestheater Dinslaken
Premiere – 06. Februar 2009
Darsteller: Gunnar Blume,
Evelyn Cron u.a.
Bühne: Kay Anthony
Kostüme: Daniela M. Decker
> die deutsche bühne - Juni 2009
Stichproben:
Die Bearbeitungen von Thomas Manns gesammelten Werken auf der Bühne
Gedankenraum
und Geist der Zeit
Von MICHAEL LAAGES
Bis Melle kam der Mann. Bis in die auch als Theater genutzte
Mehrzweck-Aula der Heinrich-Böll-Schule, die, wenn’s um Theater geht, zum Festsaal
wird. Zuvor war er schon in Hagen und Euskirchen gewesen, und nach diesem
Abend im Festsaal von Melle wird er weiter reisen nach Herford,
Homberg und Kevelaer. Der Mann, dieser Mann, ist Thomas Mann, und seit
Februar diesen Jahres ist er unterwegs mit dem fahrenden Theatervolk der
Landesbühne in Dinslaken, der Burghofbühne. In der Bearbeitung von
Lars Helmer und Regisseur Frank Riede bringt das Ensemble vom Niederrhein
seinen „Felix Krull“ unter die Leute; und an jedem Abend dieser Reise sitzt
der Autor irgendwo weiter hinten im Saal und hört und sieht zu, was da aus
ihm geworden ist: auf der Bühne.
Immerhin: Er gehört zu den derzeit wirklich viel gespielten Autoren
der Gegenwart. […] Generell (und naturgemäß) bieten die
Mann-Erkundungen jenseits (der Bearbeitungen) von von Düffel mehr Abwechslung und Überraschung - Frank Riede zum
Beispiel erfindet für den „Felix Krull“ aus Dinslaken zunächst mal ein
Vorspiel auf dem Theater, also eine Bühne auf der Bühne; denn die hohe Kunst
der Verstellung, die Hochstapler-Karriere des jungen Herrn Krull ja später
erst so recht in Gang bringen wird, erwächst aus der Liebe des kleinen Felix
zum Theater.
Frank Riede […]bindet für die reisende Aufführung aus
Dinslaken fast alles ins Interieur des Hotels; grünes Licht schafft darin
rätselhafte, magisch schummrige Atmosphäre, und die Projektionswand, die zu
Beginn noch Bühne auf der Bühne war, ermöglicht später auch Filmsequenzen,
die den Reisenden Krull wie ins Zugabteil versetzen „Die Bekenntnisse des
Hochstaplers Felix Krull“ sind hier […] jedoch vor allem ein Spiel mit
aufgereizten Phantasien - da stört dann auch die zum Teil doch recht stark
verschmockte Sprache nicht. […]

Szene mit
Martina Mann, Gunnar Blume und Iris Kunz
aus Frank
Riedes „Felix Krull“-Inszenierung
am
Landestheater Burghofbühne Dinslaken
> Rheinische Post v. 09. Februar 2009
Umjubelte
Premiere: Publikum feiert „Felix Krull“
Spritzig, witzig, kurzweilig: Diesen
Felix Krull muss man lieben. Die Burghofbühne feierte mit der Bühnenfassung
von Thomas Mann eine glänzende Premiere.
Ein
Charmebolzen im Glück
VON RALF SCHREINER
Dinslaken (RP) Thomas
Mann war mit seinen "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull"
zeitlebens nicht glücklich. Wie sich aus dem Romanfragment eine spritzige,
intelligente Komödie fürs Theater destillieren lässt, zeigte die Burghofbühne
in der Kathrin-Türks-Halle. Das Publikum jubelte.
Apollon kotzt. Deutlicher lässt sich
die Abneigung gegen den eigenen Bruder nicht darstellen. Aber Hermes, Gott
der Diebe, hat es schon als Baby faustdick hinter den Ohren. Als frühreifer
Knilch klaut er dem Krieger die Rinderherde. Dass er später mit dem Kuhdarm
die göttliche Lyra bespannen wird, spart das heiter-parodistische Vorspiel,
mit dem Frank Riede und Lars Helmer ihre narzisstisch-ironische Komödie
einleiten, aus. Applaus gibt's trotzdem. Der kommt vom Band. Die Welt, sie
will betrogen sein.
Tricksen, täuschen, mogeln
Felix Krull ist
der geborene Blender. Ein ebenso eleganter wie eloquenter Charmebolzen, der
mogelt, trickst und täuscht, die Menschen verschaukelt, einseift und beklaut,
und das so geschickt, dass sie sich bei ihm am Ende noch bedanken.
Hochstapelei ist eine hohe Kunst. Die Gaunereien des Felix Krull sind durch
keine Moralität und Reue behindert. Waren es nie. Das Bekenntnis, das er
ablegt, hat nichts von einer Beichte. Es ist Reflexion, wohlgefälliges
Erinnern an eine aufregende, glamouröse Jugend voll erotischer Abenteuer.
Frank Riede
schickt Krull als androgynes Zwitterwesen auf die Bühne. Ein kühner
Kunstgriff und eine hervorragende Idee. Evelyn Cron gibt den alten Krull als
altersmilden Schwerenöter, der nicht nur um seine Verdienste weiß, sondern
sich auch gern damit brüstet. Souverän fantasiert er sich allerlei auf
Hochglanz polierte Trugbilder auf die strahlend helle Bühne, ist ein Geist,
der dem jungen Krull nicht von der Seite weicht, ihn erzählend anleitet und –
wenn es denn sein muss – Felix auch schon mal den Hosenlatz öffnet, damit
jener die Arme frei hat, um galant ein Paar wohlgeformter Frauenbeine zu
spreizen.
Gunnar Blume
spielt den jungen Krull. Er spielt ihn unvergleichlich gut. Ach was: Dieser
31-jährige Schauspieler aus Leipzig ist hervorragend, die Idealbesetzung für
die Rolle, ein Glücksgriff, zu dem man dem Landestheater gratulieren muss.
Blume ist wendig, schnell. Wohl akzentuiert und mit erstaunlicher Lässigkeit
bringt er die verschraubten Mannschen Satzgebilde zum Glänzen.
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Felix Krull
möchte seine Jugend nicht der Tyrannei eines bürgerlichen Lebens opfern. Sein
schauspielerisches Talent hilft ihm dabei. Der Schüttelfrost, mit dem er sich
aus dem Schulunterricht simuliert, erinnert an ein Erdbeben. Zugleich macht
er Appetit auf die Musterungsszene, dieses wunderbar gefakte epileptische
Intermezzo, in dem Gunnar Blume zur Hochform aufläuft. Wie ein gedoptes
Mauswiesel lässt er Nervositätsblitze keck über die rechte Schulter zucken,
grimassiert, turnt, springt und quasselt Stabsarzt, Priester und Offizier so
lange etwas vor, bis endlich auch jenen die Gesichtszüge entgleiten und ein
verzweifelt gebrülltes "Ausgemustert!" den Affenzirkus beendet. Von
ähnlicher Klasse ist Krulls amouröses Abenteuer mit der ebenso reichen wie
lüsternen Madame Houpflé (Martina Mann), die zwischen den Hermes-Waden des
Hochstaplers lustvoll gedemütigt ein paar Gipfel erstürmt, wobei sie sich mit
verdrehten Augen genussvoll den ehelichen Schmuck von Hals und Ohren
stibitzen lässt.
Die Reise führt
aus dem Rheingau nach Paris und Lissabon. Aus Felix Krull wird Armand Kroull,
aus dem Liftboy ein Oberkellner, der zum wohlhabenden Marquis de Venosta
mutiert. Riede erzählt die Geschichte in Episoden auf einer mit aufgespanntem
Kuhfell drapierten Einheitsbühne. Für die Hot-Spots hat Kay Anthony eine
White-Box gebaut, die sich wahlweise als Rekrutierstube und mittels
Projektion als Zugabteil, Klosterinnenhof oder botanischer Garten gestalten
lässt. Dass die Inszenierung so unangestrengt daher kommt, liegt an den
leichten Bewegungsabläufen, dem atmosphärisch wechselnden Licht, vor allem
aber an der durchweg überzeugenden Ensembleleistung.
Ein warmer Schotte
Marco Pickart
Alvaro, Iris Kunz, Martina Mann und Anton Schieffer, allesamt mit vier bis
fünf Rollen gesegnet, machen ihre Sache richtig gut. Dass Schieffer sich als Lord
Kilmarnock aus Aberdeen einen Sonderapplaus erspielt, liegt nicht nur an dem
dezent die adeligen Knie umspielenden Karo seines Schottenrocks. Es liegt
auch an der wachsweichen Ehrlichkeit, mit der er Felix dem Glücklichen die
Wärme seiner Männerbrust anempfiehlt. Felix lehnt ab. Der Lord küsst ihn
trotzdem.
Typisch Mann.
Starker Beifall für einen äußerst vergnüglichen Theaterabend.
> NRZ v. 09. Februar 2009
Glänzend. Die Burghofbühne adaptierte Thomas Manns
Schelmenroman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“
Ein diebisches Vergnügen
BETTINA SCHACK
,
PREMIERE.
Mit Manns "Felix Krull" trug die Burghofbühne die unendliche
Leichtigkeit des Scheins des Roman ins Theater.
DINSLAKEN. Vor diesem Bengel sollte man
sich in Acht nehmen. Am Daumen nuckelnd sitzt er im Bastkörbchen und trotzt
dem göttlichen Strafgericht um sich herum. Ein Baby, aber keineswegs ein
unschuldiges. Hermes hat die Weltbühne betreten und prompt seinem Bruder die
Rinderherde gestohlen. Was dort an der weißen Wand hänge, sehe aus wie die
Oberbekleidung von Kühen, stellt der Rat antiker Götter in einer Mischung aus
Gestelztheit, musikalischer Eleganz und sich selbst entlarvender Ironie fest.
Eine Sprache,
die die Zuschauer in der Kathrin-Türks-Halle den weiteren Freitagabend
begleiten sollte, als Gunnar Blume längst dem Bastkörbchen und der Rolle des
Hermesknaben entstiegen war und zum jungen Felix Krull wurde. Gewandt und
wandlungsfähig, ein gerissener naiver Tor, die Inkarnation des Olympiers in
einer Welt, die sich nur zu gerne von dem von ihr verehrten Boten der Götter,
Gott des Handels und Gott der Diebe blenden lassen möchte.
Der Reiz der Doppelnatur
Die
Bühnenfassung der "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von
Frank Riede und Lars Helmer spielt mit der Lust an der Verstellung, dem Reiz
der Doppelnatur. Felix Krull ist zwei Personen. Evelyn Cron im eleganten
schwarzen Abendkleid verkörpert den Memoirenschreiber, den Ich-Erzähler im
Thomas Mann-Roman. Nur für ihr junges, aktiv handelndes Alter Ego (Gunnar
Blume) ist sie sichtbar. Sie erklärt, sie stiftet an, das Alter hat sie -
oder doch eigentlich ihn? - weise gemacht. Und gemeinsam mit dem Jüngling
heckt sie die Schelmenstreiche aus - ein kicherndes Max-und-Moritz-Pärchen
auf der Suche nach der Doppelnatur des Lebens. Doch Krull ist dem Schein
ebenso zu Lasten des Seins verfallen, wie die Gesellschaft um ihn herum.
Alles nur Theaterzauber.
Genau hier
setzt die Inszenierung an, wird das Schauspiel zum leichten, streckenweise
unglaublich komischen visuellen Literaturgenuss. Iris Kunz, Anton Schieffer,
Marco Pickart Àlvaro und Martina Mann schlüpfen in immer neue Rollen, geben
ihrem Affen Zucker.
Und Felix Krull
Gunnar Blume mittendrin. Tumb, schlitzohrig, unverbindlich und vor Lebenslust
sprühend. Eine Idealbesetzung an der Seite der wissend lächelnden Evelyn
Cron. Herrlich, wie er den Engländer, den Italiener beim Sprachtest imitiert,
beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit er die geschraubten
Bandwurmsätze Manns fließen lässt. Wie viel Timing hier in der Atemtechnik
beim Sprechen steckt, lässt sich nur erahnen.
Wie gekonnt
Blume das Timing in der Komik beherrscht, wird spätestens bei der
Musterungsszene klar. Da stimmt alles. Vom Schulterzucken bis zum
Redeschwall, der an Otto in seinen besten Zeiten erinnert. Dabei klammert
Regisseur Riede den eigentlichen Krampfanfall aus. Black-out - Cron
umklammert Blumes regloses Gesicht, beschreibt die Grimassen mit den Worten
des Romans. Ganz still wird es da im Publikum.
Ein Stück, das
prickelte vor Freude an der Schauspielerei und an der Phantasie, die
Guckkästen und bewegliche Kulissenteile freisetzen (Bühnenbild: Kai Anthony),
ein gelungener Seiltanz zwischen leichter Komödie und anspruchsvollem
Literaturtheater. So machte Thomas Mann richtig Spaß.
> Kölner
Stadtanzeiger v. 01.03.2009 /
Gastspiel in Erftstadt
Ein erfrischender Hochstapler Krull
Von Katharina Blaß
Gelungene Aufführung im Stadttheater: Befürchtungen,
dass das in der Schulzeit als schwere Kost empfundene Werk Thomas Manns
Traumata wachruft, lösten sich schnell in Luft auf.
„Felix
Krull“ (gespielt von Gunnar Blume, links) präsentierte sich in der
Inszenierung der
Burghofbühne
Dinslaken im Euskirchener Stadttheater locker und erfrischend. (Bild: Blaß)
Euskirchen - Felix Krull ist der geborene Blender.
Ein eleganter und eloquenter Charmebolzen, der mogelt, trickst und täuscht,
die Menschen verschaukelt, einseift und beklaut. Und das so geschickt, dass
sie sich bei ihm am Ende noch bedanken. Das Landestheater Burghofbühne aus
Dinslaken adaptierte den Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“
von Thomas Mann und verwandelte den Schelmenroman in ein modernes
Theaterstück, das am Wochenende im Stadttheater Euskirchen zu sehen war.
Schauspieler Gunnar Blume spielt die Rolle des
jungen, durchschnittlich erscheinenden Felix Krull, der gerade durch seine
augenscheinliche Harmlosigkeit sein Lügenkonstrukt aufbauen kann: Nach dem
Ruin der elterlichen Sektfabrik startet Felix Krull seinen Siegeszug um die
Welt. In Paris wird aus Felix Krull Armand Kroull, aus dem Liftboy ein
Oberkellner und schließlich der wohlhabende Marquis de Venosta, als der er
mit einem üppigen Vermögen ausgestattet zu einer Reise um die Welt aufbricht.
Wie die Sache ausgeht, erfährt der Zuschauer
nicht. Thomas Mann lässt das Ende offen. Die Bühnenfassung von Lars Helmer
und Frank Riede konnte das Publikum im Stadttheater durchaus überzeugen. Die
für Thomas Mann typischen verschachtelten langen Sätze werden auf der Bühne
leicht und locker rezitiert, das Stück zeigt einen Felix Krull, der
unangestrengt und erfrischend ist. Die Befürchtung, das in der Schulzeit als
schwere Kost empfundene Werk von Thomas Mann könnte alte Traumata aus dem
Deutschunterricht wachrufen, löste sich schnell in Luft auf.
Das Bühnenbild von Kay Anthony zeigte sich modern
und abstrakt. Weiße Möbel und atmosphärisches Licht dominierten die Bühne,
auf der die Darsteller beim Szenenumbau vor den Augen der Zuschauer mit
anpackten. Eine große weiße Box wurde mit Hilfe von Projektionen mal zur
Rekrutierstube, mal zum Zugabteil oder Klosterinnenhof.
In der Rolle des „alten“ Felix Krull, der dem
Publikum seine Memoiren in Rückblenden erzählt, war die bekannte Theater- und
Fernsehschauspielerin Evelyn Cron zu erleben. Neben ihren Theaterauftritten
war sie bislang in mehr als 30 Filmen und Fernsehspielen zu sehen. Im Vorfeld
war Ingrid van Bergen, die ebenfalls Mitglied des Burghof-Ensembles ist, für
die Rolle des „alten“ Krull vorgesehen. Sie musste allerdings aufgrund von
Fernsehverpflichtungen („Ich bin ein Star, holt mich hier raus“) auf ihre
Mitwirkung verzichten.
>
Kölnische Rundschau v. 07.05.2009 /
Gastspiel in Bergisch-Gladbach
Die Welt will betrogen sein
Von Annelis Griebler
Es
gibt sie ja nicht nur in der Abenteuer-Fantasie, nicht nur im Roman, wie
jeder weiß, sondern auch im richtigen Leben: die Schwindler, Scharlatane,
Blender, die gar nicht...
BERGISCH
GLADBACH. Es gibt sie ja nicht nur in der Abenteuer-Fantasie, nicht nur im
Roman, wie jeder weiß, sondern auch im richtigen Leben: die Schwindler, Scharlatane,
Blender, die gar nicht besonders viel tun müssen, um unwiderstehlich zu sein,
und auf die auch halbwegs gescheite Leute hereinfallen, ohne so recht zu
wissen, warum.
Felix
Krull ist so einer, Sonntagskind und Götterliebling, ein Opportunist reinsten
Wassers, dabei scheinbar stets im Stande der Unschuld. Thomas Mann
verschaffte ihm einen Platz in der Weltliteratur und sich selbst mit den
„Bekenntnissen“ dieses charmanten Hochstaplers einen letzten großen
Bucherfolg - 1954, ein Jahr vor seinem Tod.
Gelungenes Experiment
Verfilmt
wurde der Bestseller schon in den 60er Jahren; nun unternahm das
Landestheater Burghofbühne Dinslaken den Versuch, auch fürs Theater ein
handliches Stück daraus zu destillieren. Riskant, ohne Zweifel. Doch das
Ergebnis des Experiments - zum Ende der Spielzeit vorgestellt im Löwen -
konnte sich durchaus sehen lassen.
Frank
Riedes Inszenierung hat aus der facetten- und aktionsreichen Vorlage eine
Szenencollage gemacht und intoniert Thomas Manns umständlich-artifizielle
Prosa im Kammerton, mit pointiert parodistisch-ironischen Akzenten. Das Ganze
kam zwar über ein Vorspiel - als Theater auf dem Theater - schwerfällig in
die Gänge, gewann dann aber zügig an Tempo, Witz und Unterhaltungswert.
Felix
(Gunnar Blume) agiert mit überzeugender und oft verblüffender
schauspielerischer Behändigkeit. Sein Altes Ego (Evelyn Cron) kommentiert
begleitend die Stationen seines unbürgerlichen Heldenlebens - angefangen bei
ersten kriminellen Fingerübungen daheim, beim Bonbonklauen im Laden um die Ecke,
über frühe Liebesexerzitien mit dem Kindermädchen Genoveva, als Simulant bei
der Wehrdienstmusterung, als Liftboy und als für Liebhaber beiderlei
Geschlechts interessanter Oberkellner Armand in Paris - bis hin zum
Weltreisenstart als Marquis de Venoza und der vielversprechenden Begegnung
mit den schönen Damen Kuckuck in Lissabon. Hier endet die Geschichte -
vorläufig. „Wie, wenn der Roman hier stehen bliebe . . .?“ sinnierte Autor
Mann in seinen Memoiren. So geschah es.
Es
war erfreulich, nach langer Pause die Dinslaker Burghofbühne wieder einmal im
„Löwen“ zu Besuch zu haben. Was ihre mitgebrachte Produktion der
„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ vor allem auszeichnete, waren das
gute Ensembles-Spiel und solide schauspielerische Präsenz in allen
Mehrfachrollen, insbesondere in der Krull-Hauptpartie. Ärgerlich war, dass
die Gäste es nicht für nötig hielten, ihr Publikum mit Programminformationen
zu versorgen. Nicht einmal ein Handzettel war zu haben. Da wurde offenbar am
verkehrten Ende gespart. Sicherlich hätte mancher Zuschauer gern etwas zum
Nachlesen zur Hand gehabt zum nicht durchweg leicht zu erschließenden
Inszenierungskonzept und zu den Darstellern. Normalerweise gehört das auch
zum Gastspiel-Mindestservice. Und dabei sollte es bleiben.
> Kölner
Stadtanzeiger v. 07.05.09 / Gastspiel
in Bergisch-Gladbach
Genialer Blender und Götterbote
Von Günther Jeschke
Thomas
Manns "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" waren als
Bühnenfassung im Bergischen Löwen zu sehen. Mit Theater um Schein und Sein
und um die Spielarten der Liebe begeisterte die Landesbühne Dinslaken.

Felix Krull (Gunnar Blume, r.) und die
feine Gesellschaft: Die Vorlage von Thomas Mann war in einer Bühnenfassung
der Landesbühne Dinslaken im Bergischen Löwen zu sehen. (Bild: Arlinghaus)
Bergisch
Gladbach - Zum dritten Mal in der laufenden Saison wurde im Bürgerhaus
Bergischer Löwe eine Romanvorlage zum Theaterstück gestaltet. Neben der
weniger gelungenen Bearbeitung von Goethes „Werther“ gab es zwei sehenswerte Bühnenfassungen
nach Thomas-Mann-Romanen: „Buddenbrooks“ im November und jetzt „Die
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Das Landestheater Burghofbühne
aus Dinslaken war diesmal zu Gast und brillierte mit Regie- und
Darstellerleistungen.
Der
aus scheinbar wohlhabenden Verhältnissen stammende Felix Krull erkämpft sich
gewaltfrei mit heiterem Naturell und blenderischem Halbwissen, begabt mit
herausragender Rhetorik, eine Position bei den Reichen und Bewunderten. Er
mogelt, trickst und täuscht überaus geschickt und weicht auch vor listigem
Betrug nicht zurück. Er vergleicht sich mit Hermes, dem Götterboten, Gott der
Diebe und der Redekunst.
Regisseur
Frank Riede, zusammen mit dem Dramaturgen Lars Helmer auch für die
Bühnenfassung verantwortlich, führte seine Darsteller hervorragend im
spartanisch, aber gekonnt durch Projektionen und kleinere Umbauten variierten
Bühnenbild. Er leitete die Geschichte mit einer Episode aus der Götterwelt
ein, die zu einer aufgespannten Kuhhaut führte, als stete Erinnerung an die
Jugendtaten des Gottes Hermes, dem Krull in so vielen Zügen gleicht. Im Chor
intonierten die Götter das Thema dieses Hochstaplerlebens: „Die Welt, die
will betrogen und geblendet sein.“
Genial
erfand Riede die Dopplung des Hochstaplers: Als Erzählfigur des alten Krull
agierte in weiblicher Gestalt die Schauspielerin Evelyn Cron, und den jungen
Krull spielte Gunnar Blume in herausragender Weise. Ihnen gelang eine
Musterungsszene unvergesslicher Art, in der Blume mit scheinbar
unkontrolliertem Gesichts- und Körperzucken umhersprang und unentwegt
quasselte, bis ihn Stabsarzt, Priester und Offizier ausmusterten. Die
Erzählfigur vertiefte dabei den Eindruck des von Thomas Mann vorgesehenen
epileptischen Anfalls durch ihre Gestik. Bravourös!
Ebenfalls
überzeugend gelangen die Liebesabenteuer des Felix Krull, obwohl dem
Darsteller die ihm zugeschriebene männliche Schönheit und Anziehungskraft -
verglichen mit Horst Buchholz, dem Hauptdarsteller im Kurt-Hoffmann-Film von
1957 - fehlten. Die Episoden mit der Hure, der lüsternen
Klosett-Schüssel-Fabrikanten-Ehefrau, der in Krull vernarrten
Professoren-Tochter und dem schwulen Lord wurden voll und amüsant
ausgeschöpft. Das gelang insbesondere, weil auch die Nebenrollen - jeweils in
vier bis fünf Figuren - mit Iris Kunz, Anton Schieffer, Marco Pickart Alvaro
und Martin Mann auf ähnlich hohem Niveau mitspielten wie die Protagonisten.
Besonders
muss die Sprechweise des Ensembles gelobt werden. Die Darsteller vermochten,
was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist, deutlich, verständlich
und trotzdem spannend und auch rasend schnell zu sprechen. So banden sie die
Sprache Thomas Manns mit ihren komplexen Satzkonstruktionen und ihrer
hochgestochenen Wortwahl glaubwürdig in das Geschehen ein.
Das
Publikum spendete Auftritts-, Zwischen- und längeren Schlussapplaus. Es ist
zu wünschen, dass diese Bühne mit ähnlich überzeugenden Inszenierungen
weiterhin in Bergisch Gladbach zu Gast sein wird.
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