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2005/2006   Irmgard Keun/Gottfried Greiffenhagen

DAS KUNSTSEIDENE MÄDCHEN

Theater Freiburg/Kammerbühne (Intendanz: Prof. Mettin)

Darstellerin: Hülya Karahan

Dramaturgie: Sigrid Schonlau, Ausstattung: Anne Schmieger

 

 

 

Badische Zeitung, 20.03.2006

Offenburger Tagblatt, 16.03.2006

 

 

> Badische Zeitung, Kultur, 20.03.2006

Sie will ein Glanz werden

Wie ein HipHop-Video: Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ am Theater Freiburg

Es ist an deutschen Bühnen fast schon in Mo­­de geraten, sich an die mediale All­ge­genwart all der Möch­tegern-Aufsteiger aus den Casting-Shows des Fernsehens an­zu­hän­­gen. Aber wer hätte ge­dacht, dass aus­ge­rechnet ein 1932 geschriebener Text etwas Substanzielles zu Pop-Stern­chen, Street-Credibility und Rapper-Träumen bei­zutragen hat?

Als Irmgard Keun „Das kunst­sei­de­ne Mäd­chen“ veröf­fent­lich­te, war es ein Roman aus der neuen Angestell­ten­welt, in der das Ver­sprechen auf eine sich frei entfaltende Persön­lich­keit zur gleichzeitig immer prä­sen­­te­ren und immer weniger einlösbaren Phrase wurde. Dieses Dilemma durch­lebt die 18-jährige Kanz­lei-Tipp­se Doris. Erst glaubt sie, etwas Besonderes in sich zu er­kennen: „Ich bin ganz verschie­den von den anderen Mädchen auf dem Büro und so, in denen nie Großartiges vor­geht.“ Dann träumt sie vom Auf­stieg: „Ich will so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht.“ Doch sie landet im War­tesaal des Bahnhofs Zoo.

Dem Migrantentum trotzig die Stirn geboten

Tja, und dann steht dieses kunst­seidene Mädchen von 1932 auf der Kammerbühne des The­aters Freiburg von 2006 – und zwar wie aus dem HipHop-Video gepellt: Weiße Jogginghose mit den drei Ich-bin-Teil-einer-Kör­per­ertüchtigungsbewegung-Mar­ken­strei­fen, flau­schi­ge Daunen­jacke, in der suggerierte Warm­herzigkeitsreste und ro­manti­sche Sehnsucht wie in einer Ther­mos­kanne zu überleben ver­suchen, schwarzes Tail­len­kor­sett, mit dem das Ganze zum für den Fleischmarkt bereiten Sa­domaso-Paket geschnürtwird, und Markenturnschuhe mit der letzten Option der Flucht vor all den Män­nern, die vor dem Auf­stieg erlegt wer­den wollen. In diesem Outfit steckt eine Do­ris-Wiedergängerin als Kind einer lange vergangenen Einwan­de­rung, das dem ewi­gen Migran­tentum mit ausgestellter Hüfte und trotzig spechtenden Finger­spitzen die Stirn bietet.

Wäh­rend man noch über die merk­würdige Ausdrucksweise „Ich möchte ein Glanz wer­den“ sinniert, wird einem klar, dass Aus­statterin Anne Schmieger und Doris-Dar­stellerin Hülya Karahan eine schlüs­sige Essenz aus den Rap­perinnen Lee von Tic­Tac­Toe, Sabrina Setlur und Missy Elliott auf die Bühne gebracht haben. Karahan stößt das Wort „Glanz“ hervor, wie Graf­fitikünstler ihr persönliches Tag sprayen. Wenn Doris sagt „ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Le­ben“, übersetzt die Bühnen-Doris das in den Sound von Rap­perinnen – ohne ein Wort des Ori­ginaltextes zu verändern.

Das Erstaunliche ist, dass es funk­tioniert. Regisseur Frank Riede hat mit seiner In­sze­nie­rung genau den richtigen Ton ge­­funden, um etwaigen Staub auf Irmgard Keuns 75 Jahre al­tem Text wegzublasen. Die Li­nie, die er damit vom neuen, urbanen Frau­en­typ der Weima­rer Republik zu dem der Ber­liner Republik zieht, ist plausibel. Wie vie­le weiße Autos rollen bis heute durch die Träume der Wor­king Girls, die sich für ein bisschen Glanz in Casting-Shows verheizen lassen, nur um dann in den Glamourspalten an der Seite von Boris Becker oder mit wackeln­dem Po in einem HipHop-Clip zu landen? Na­türlich sind sie auch selbstbewusste Sex­kolumnen-Schrei­berinnen, die den Män­nern, wie schon die Tipp­se Doris in den 30er-Jahren, in den Schritt treten. Aber sich vom Konzept des Mr. Right verab­schie­den möchten sie trotz­dem nicht.

Kompliment an Hülya Karahan dafür, wie sie die Spannung in diesem Monolog über die an einem Mann orientierten Aufstiegs­träume einer Angestellten bis in alle Ver­äste­lungen hält und zu einem glaubwür­di­gen Großstadt-Sound verdichtet. Was ihrer Rolle verwehrt blieb, ist der Schauspielerin an diesem Abend gelungen: Sie ist Glanz ge­worden. Oder, wie Missy Elliott sagen wür­de: What a bitch. Respect.

Jürgen Reuß

 

> Offenburger Tageblatt, 16.03.2006

»Mädchen mit Kodderschnauze«

Das Freiburger Theater zeigt im Stück »Das kunstseidene Mädchen« die Verbindung zu heute

»Das kunstseidene Mädchen«, ein Tagebuchroman von Irmgard Keun, hat am Samstag, 18. März, im Theater Freiburg Premiere. Für Regisseur Frank Riede ist es ein durchaus aktuelles Stück.

 

Freiburg. Als Irmgard Keun ihren Tagebuchroman »Das kunstseidene Mädchen« 1932 veröffentlichte, »war es ein absoluter Bestseller«, sagt Frank Riede, der derzeit am Theater Freiburg den Roman in der Bühnenfassung von Gott­fried Greif­fenhagen inszeniert. »Meine Großmutter kannte ihn noch.« Mit Beginn der Nazi-Zeit wurde er sofort ver­boten, hatte im Ausland aber weiter großen Erfolg. »Es erzählt die Geschichte aus der Retrospektive«, sagt Riede. Doch für heutiges Sehverhalten sei es unmöglich, eine Schauspielerin auf die Bühne zu stellen und sie in einem Ta­ge­buch blättern zu lassen. Deshalb hat Riede das zeitgemäßere Format des Videotagebuchs gewählt, professionell in Berlin produziert.

 

»Working Girls«

Spannend ist für Riede, dass hier die Geschichte eines »Working Girls« erzählt wird, hier ist auch eine der Verbin­dun­gen zur Neuzeit. »Working Girls« waren junge Mädchen mit schlechter Ausbildung, die etwa als »Tippse« an den Schaltstellen der Macht saßen – und daraus versuchten, für sich Kapital zu schlagen. »Eine interessante Stel­lung«, sagt Riede, denn eigentlich hatten sie keine Chance, ihrem Milieu zu entkommen – außer über die Männer: »Wenn ich die männlichen Schlüsselreize bediene, dann muss das gelingen«.

Das kunstseidene Mädchen Doris kommt aus einer Kleinstadt; dort hatte sie die Männer unter Kontrolle und denkt, das klappt in der Großstadt auch: »Doch sie fällt dabei auf die Nase, kommt in immer schlechtere Kreise. Das Ende ist offen. Wird sie eine Bordsteinschwalbe oder schafft sie doch den Aufstieg zum Star?«

Das Stück sei ein wenig süßlich, selbst der soziale Abstieg des Mädchens sei romantisiert. Es habe viel Berlinkolorit, wir­ke daher aus heutiger Sicht fol­­klo­ri­stisch. In der Inszenierung hat Riede dieses Element herausgenommen.

Die Darstellerin Hülya Karahan, das jüngste Mitglied des Freiburger Ensembles, kom­me aus Berlin-Wedding und bringe so viel Authentizität in diese ihre erste große Rolle, so Riede. Allerdings gehe es um jun­ge Mädchen, wie man sie in allen Städten in ganz Deutschland findet: »18-Jäh­rige eben, mit Kodderschnauze.« Eine weitere Verbindung zu heute.

»Doris will ein Star werden, ein ›Glanz‹, das, was auch die Kids heute wollen. Wie bei Heidi Klum und ihren Top­mo­dels oder wie bei Deutschland sucht den Superstar«. Sie nimmt die Glücksversprechen der Um­welt ernst. So be­ginnt das Videotagebuch auch mit einem Popauftritt, dessen Lieder, die Geschichte des Mädchens erzählen.

 

»Politisches Statement«

Riede sieht seine Inszenierung auch als »po­litisches Statement«: »Doch liest man den Text, denkt man nicht, dass es etwas mit uns zu tun hat«, sagt er. Immerhin sehe Arbeitslosigkeit heute anders aus als damals, dank Billigdiscounter nicht mehr zerlumpt. Heute habe man Möglichkeiten, sein Elend zu verdecken, aber es sei dennoch da.

Theater ist für Riede ein Angebot an das Publikum, eine Geschichte einmal anders zu lesen. Man müsse eben nur die Verbindung zum heute schaffen. Grundsätzlich, so der Regisseur, sei die Bühne nicht der Ort für politische Analysen. Wichtiger sei es zu zeigen, was die Figuren uns heute zu sagen haben. Theater sollte Geschichten erzählen und dem Zuschauer die Chance geben, selbst zu denken. »Der Zuschauer hat die Deutungshoheit«, sagt Riede. Der Regisseur, die Inszenierung könne nur in eine Richtung lenken. Allerdings bezweifelt er, ob alle Zuschauer wirklich mitdenken und ihre Blicke selber lenken wollen. Das sei der große Unterschied zum Film. Die Bühne erlaube auch eine Zuspitzung. »Ich will aber nicht provozieren, sondern ein Statement abliefern, das mehr ist als ›habt euch alle lieb‹. Das Stück ist eine Biografie, das finde ich spannend. Der Zuschauer kann sich mit der Figur vergleichen«.

 

Nur einmal probieren

Riede ist Schauspieler, die Inszenierung in Freiburg ist seine sechste. Er war Mitglied in diversen Ensembles von Köln bis Dresden, hat für Pro7 den Film »Tornado« gemacht. »Ich hatte immer Lust zu spielen. Ich mag es, auf der Bühne zu stehen. Es ist live und ein wenig schmutziger als der Film: Ich kann nämlich nur einmal probieren«.

Lesen, Assoziationen entwickeln lassen, Ideen, wo etwas hingehen könnte, man was erzählen könnte – so geht Riede an die Arbeit. »Ich zeige das Mädchen an ihrem schlimmsten Ende in ihrem schönsten Abendkleid«, gibt er ein Beispiel. Allerdings setze er seine Lesart nicht durch, denn Theater sei eine Gemeinschaftsproduktion aller Beteiligten. Deswegen mache er auch Theater, weil er die Zusammenarbeit mit Leuten mag. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Nichtschauspieler Regie führen kann«, denn es gehe nicht um »Wirkungssicht, sondern um die Schauspielersicht«. Es gebe durchaus die Tendenz, »Schauspieler zu Darstellertieren zu machen. Aber man muss von ihnen ausgehen, an ihre Substanz heran und sie ernst nehmen«.

Er mag Theater, weil jeder Abend neu ist. Als Regisseur könne er nur die Sicherheit geben, dass nichts abstürzt. »Kontrollierter Absturz«, sagt Riede, der sein Stück auch nach Berlin bringt.

Jutta Hagedorn

 

   impressum                                                                                                                                                                    © 2012 Frank Riede