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2002/2003
Enda Walsh
MISTERMAN
Theater
Freiburg/Auf dem Dach (Intendanz: Amélie Niermeyer)
Darsteller:
Alexander Gamnitzer, Julius Vollmer, Lisbeth Felder
Dramaturgie:
Josef Mackert, Ausstattung: Amanda Siegert
WA 2003/2004
Badische Zeitung, Rezension
SWR2, Rezension
FR-TV Südbaden, Bericht
Badische Zeitung, Riede-Porträt
Der Sonntag, Rezension
> Badische
Zeitung, 1. Juli 2003
Ein Psychopath zum
Liebhaben
Frank Riede
inszenierte auf der Dachterrasse des Freiburger Theaters Edna Walshs
"Misterman" mit Alexander Gamnitzer
Ab einem bestimmten
Punkt ist der Kopf von Thomas Magil auf dem Weg zum Erwachsenwerden in die
Wolken geraten, und während seine Füße noch widerwillig über den Boden des
irischen Örtchens Innishfree stapfen, haben seine Sinne die Wolkendecke
bereits durchstoßen. Das "helle, gütige Licht, das die Reinheit wieder
wachsen lässt", das er dort oben geschaut hat, als "Gott seinen Arm
um meine Schulter legte", erscheint dem Rest der Welt allerdings als
seine endgültige Umnachtung.
Für den
prosaischen Erdfüßler ist "Misterman" von Enda Walsh einfach ein
Stück über einen jungen Mann, der den sozialen Abstieg seiner Familie nicht
verkraftet hat. Der mit aller Macht das Rad der Geschichte zurückdrehen
möchte in eine Zeit, in der die Leute vor dem Laden des Vaters Schlange standen,
um so etwas Exotisches wie eine Banane zu kaufen.
Dann
kamen die Supermärkte, der Vater fuhr in den Himmel auf, und die Mutter
(Lisbeth Felder) weigerte sich fortan, die Welt anders als durch eine rosa
Doris-Day-Brille zu betrachten. Das ist der Moment, in dem Thomas die
Bodenhaftung verliert und am Ende ein ganzes Dorf auf Himmelfahrt schickt.
Und das ist der Moment, für den Regisseur Frank Riede diese Figur "total
lieb" hat. Ein sozialkritisches Stück über die Genese eines Amoklaufs zu
inszenieren, interessierte ihn nicht. Er fand es spannender, die
Geschichte eines Menschen zu erzählen, der auf seinen Gefühlen besteht. Die
Geschichte eines Außenseiters, der die Welt nach seinem Willen umformen will,
koste es, was es wolle. Man soll ihn mögen, diesen "netten Psychopathen"
auf der Suche nach der irischen Spezies einer blauen Blume der Romantik.
Der
ungewöhnliche Spielort auf dem Dach des Freiburger Theaters hätte für diese
Suche nicht besser gewählt werden können. Hoch über dem Menschengewimmel, das
ab und an heraufschallt, im Hintergrund die zwei göttlichen Fingerzeige der
Herz-Jesu-Kirche, davor ein Sessel mit Stehlampe, der angestaubte
Paradethron für Gott- und familiären Übervater. Als Gott/Vater (Julius
Vollmer) mit einem "Es werde Licht" die Lampe anknipst, ist das
dank Bewirtung vom Pub "Isle of Innisfree" bereits vorgeglühte
Publikum durchaus bereit, diesen Abend von der netten Seite zu nehmen. Das
liegt vor allem auch an Alexander Gamnitzer, der Riedes Vorgabe, die
ungeheueren Taten des Thomas Magil in einem unangestrengten Ton zu erzählen,
beeindruckend umsetzt. Keine ganz einfache Aufgabe, ist das Stück doch weitgehend
ein monologischer Gang durchs Dorf, auf dem Gamnitzer auch die ihm
begegnenden Person bis zum Hund mitspielen muss. Eine Aufgabe, die er mit
Bravour und ohne falsche Theatralik in den Griff bekommt.
Und am
Ende hat man ihn tatsächlich lieb, diesen naiven Psychopathen, auch wenn man
sich fragt, was diese Verklärung von Charakteren soll, die die Welt unbedingt
für ein Idyll, das es nie gegeben hat, vernichten wollen. Aber dann gab es
schon wieder Bier und zurückgelehnte Lounge-Musik, das Publikum freute sich
zu Recht ausgiebig über einen gelungenen Theaterabend und am Ende blieb nur
eine Frage übrig: Warum verlegt man Theater im Sommer nicht generell auf
Dachterrassen?
Jürgen Reuß
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> Radio
SWR2 Baden-Württemberg „Kultur im Land“
28.
Juni 2003, 12h40 – 13h
Anmoderation:
Enda Walsh
hatte mit „Disco Pigs“ seinen Durchbruch, seitdem ist er der bekannteste
Vertreter des jungen irischen Theaters. Gestern hatte am Theater Freiburg
sein Stück MISTERMAN Premiere in der Regie von Frank Riede. Nathalie Knapp war für uns auf dem
Dach des Theaters Freiburg.
Text:
Bei
Sonnenuntergang an einem lauen Sommerabend mit Sicherheit der schönste Ort am
Theater Freiburg: Die Dachterrasse, dort, wo der Abgrund aufhört und der
Himmel beginnt. Genau richtig für den Mittdreissiger Thomas, um die Menschen
an das Gute zu erinnern.
Er steigt
durch ein Oberlicht aufs Dach und öffnet einen Hartschalenkoffer. Darin ist
ein Modell des kleinen Städtchens Innisfree, ein paar Häuser, ein Café,
eine Kirche. Dahinter ein kleines Podest mit einem Sessel. Dort thront
Thomas’ Vater, der vor vielen Jahren gestorben ist. Oder ist es Gott? Auf
jeden Fall ist er gut, und Thomas will in seine Fussstapfen treten. Er
streift durch die Stadt, um den moralischen Zerfall aufzuhalten, immer ein
freundliches Wort auf den Lippen: Für einen alten Mann, den Automechaniker
und natürlich seine Mutter. Es sei denn er trifft auf das Böse, dann rastet
er aus. Da reicht schon ein Pin-Up-Girl oder ein ungezogener Hund. Der wird
gleich mal zu Brei geschlagen. Es ist die Geschichte eines Iren. Oder ist es
die Geschichte eines Irren?
Der
Hauptdarsteller Alexander Gamnitzer macht diesen nahtlosen Übergang immer
wieder plausibel: Vom religiösen Sendungsbewusstsein zum Psychopathen in
Sekundenschnelle. Als ihn ein Mädchen, das er für einen Engel hält, abweist,
ist er sich sicher: Das Städtchen Innisfree muss ausgerottet werden! Der
Hartschalenkoffer wird zugeklappt.
Die
Freiburger Inszenierung zeigt, dass gutes Theater auch in Zeiten knapper
Kassen möglich ist. Ein ungewöhnlicher Spielort, eine Handvoll Requisiten
aus dem Fundus und drei durchweg überzeugende Schauspieler und zum Ausklang
ein irisches Bier – mit das Beste, was an einem lauen Sommerabend passieren
kann.
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> FR-TV Südbaden
/ Nachrichtensendung 27. Juni 2003
Studio-Anmoderation: Heute abend gibt im beziehungsweise
auf dem Freiburger Theater eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal wird ein
Stück auf dem Theater aufgeführt und dabei handelt es sich auch noch um eine
Uraufführung. Wir waren bei der Generalprobe dabei.
Einspieler-Text: Soundcheck über den Dächern Freiburgs. Frank Riede trifft letzte
Vorbereitungen für die Generalprobe einer aussergewöhnlichen Aufführung. Es
war seine Idee, ein Stück unter freiem Himmel aufzuführen. Das Werk „Misterman“
des jungen irischen Autors Enda Walsh eignet sich für die Spielstätte
besonders gut.
O-Ton Frank Riede, Regisseur
(Untertitelung): „Ich glaube, für den
Zuschauer ist es erstmal so, dass Theater auf dem Dach des Theaters was
Besonderes ist, dass man diesen ganzen ‚space’ um sich herum hat, die ganze
Umgebung Freiburgs, die Stadt und im Hintergrund die Herz-Jesu-Kirche. Das
Stück handelt eigentlich davon, dass Thomas durch die Stadt geht und von
seinem letzten Tag erzählt, wen er getroffen hat. Ich finde es reizvoll, dass
man die Stadt von oben sieht und Thomas schaut auch von oben auf die Welt,
denn er erzählt das Stück retrospektiv, rückblickend, aus dem Himmel. Und
erzählt uns alles nochmal kurz von oben in Rückblick.“
Thomas wird gespielt von Alexander
Gamnitzer. Der Schauspieler ist begeistert von der Möglichkeit, über Freiburgs
Dächern zu spielen.
O-Ton Alexander Gamnitzer,
Hauptdarsteller (Untertitelung): „Das
ist toll, natürlich. Das sind endlich mal nicht schwarze Wände um einen
herum, sondern Himmel, das ist schon faszinierend. Und dann hat man eine
Kirche im Hintergrund, und die fängt dann irgendwann an zu bimmeln, dann
fährt ein Zug durch. Das ist schön, denn damit kann man ein Stück weit
spielen.“
22 Uhr. Probenbeginn. Circa
dreissig geladene Gäste werden Zeuge des letzten Tages im Leben des jungen
Iren Thomas Magil. Der ist für seine Mitmenschen ein klasse Typ, doch gibt es
in ihm auch eine dunkle Seite.
O-Ton aus dem Stück: „Und Gott sah, dass des Menschen Bosheit
unermesslich war auf Erden und dass des Menschen Herz den ganzen Tag nichts
als böse Pläne ersann.“
Neben Alexander Gamnitzer, hier
übrigens in seiner siebten Rolle in dieser Spielzeit, spielten Lisbeth Felder
und Julius Vollmer. Lisbeth Felder dürfte einigen Zuschauern noch von den
Loriot-Abenden im Wallgrabentheater bekannt sein. Julius Vollmer ist mit 76
Jahren der älteste Künstler des Freiburger Theaters.
Sechzig Minuten spannendes Leben –
spannendes Theater. Insgesamt wird das Stück viermal aufgeführt. Nach der
Generalprobe ist der Regisseur mit seiner Unzufriedenheit ganz zufrieden.
O-Ton Frank Riede, Regisseur
(Untertitelung): „Nein, es hat
natürlich nicht alles geklappt. Viele Lichter sind nicht richtig angegangen,
viele Musikeinsätze haben nicht geklappt, ein paar Bühnensachen haben nicht
geklappt – aber das ist okay, das muss bei der Generalprobe so sein, sonst
wird die Premiere nüscht: alter Theateraberglaube.“
Da kann er beruhigt sein. Die
kleinen Fehler, die haben die meisten der Testbesucher eh nicht mitbekommen.
Wahrscheinlich sind sie sowie zu fasziniert von der tollen Open-Air-Bühne.
O-Ton Besucherin 1: „Ich fands sehr schön. Frei und offen, und
hat Spass gemacht zum Zuschauen.“
O-Ton Besucherin 2: „Mal was ganz, ganz anderes. Und nicht
nullachtfuffzehn, sondern ausnehmend gut. Es hat mir sehr gut gefallen.“
O-Ton Besucher 3: „Es hat mir wirklich total gut gefallen.
Das könnte man häufiger haben hier draussen. Das müsste man hier oben fest
einrichten, als Alternative.“
Und das soll das Theaterdach
künftig auch werden.
Studio-Abmoderation: Wer Lust hat: heute abend um 22 Uhr geht’s los.
Bericht: Simone Herter
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> Badische Zeitung, 27. Juni 2003
Freiburg
einmal aufs Dach steigen
BZ-PORTRÄT: Der Schauspieler Frank
Riede inszeniert zum Abschied "Misterman" von Enda Walsh - Premiere
heute
Von der Dachterrasse des Stadttheaters schweift der
Blick über die Rheinebene. Der Kaiserstuhl sitzt geduldig die letzten Sonnenstrahlen
aus, das Abendlicht hüllt Weingarten in sympathisches Schweigen. Ein
ebenfalls sympathischer Ire schenkt Guiness aus, ein nicht minder
sympathischer Schauspieler erzählt dem sympathisch gekleideten Publikum, wie
er ein ganzes Dorf auslöscht, und dann gibt es wieder Bier. So soll es
aussehen, wenn der Schauspieler Frank Riede heute seinen Abschied von dem für
ihn einen Tick zu symbadischen Freiburg inszeniert. Zurückgelehnt,
großstädtisch und dazu eine gute Geschichte: "Misterman" von Enda
Walsh.
Seit die neue
Intendantin Amélie Niermeyer vor einem Jahr ihr Amt antrat, weht eine
kräftige Brise Hauptstadtluft durchs Freiburger Stadttheater. Frank Riede
ist einer der vielen waschechten Wahlberliner, bei denen sich die Freude an
der beruflichen Herausforderung mit einer gehörigen Portion Skepsis an der
Provinz mischte. Gleich den angebotenen Zweijahresvertrag zu
unterschreiben, war ihm nicht geheuer. Lieber wollte er erst mal ein Jahr
lang die Stadt und die neuen Kollegen beschnuppern und später über eine
Verlängerung reden. Doch später stellte sich nun als zu spät heraus. Frank
Riede ist das einzige Ensemblemitglied, das zum Ende dieser Spielzeit gehen
muss. Der Sparzwang macht eine Vertragsverlängerung unmöglich.
Das Bedauern über seine Zögerlichkeit hält sich
jedoch in Grenzen: "Es war eine Konstruktion, die ich selbst gewählt
habe." Sicher, die Arbeit gerade in der Aufbauphase des neuen Ensembles
habe ihm gefallen, "und wenn geerntet wird, bin ich weg".
Andererseits entsprach Freiburg nie ganz Riedes Bedürfnissen. Zu viel
Folklore, Wellness und Uni. "Ich weiß gar nicht, welche Themen hier
brennen. Ich glaube hier brennt gar nichts, alles ist glatt gebügelt."
Zwar hat Riede in der einen Spielzeit nicht alles
verwirklichen können, was er sich von seinem Engagement versprochen hatte,
doch hat ihm die Intendantin zum Abschied ein ganz besonderes Geschenk
gemacht: Er darf die Regiearbeit, für die er sich im Vertrag Urlaub
ausbedungen hatte, am Stadttheater verwirklichen. Dafür bekommt er zwar kein
Geld, aber viel Unterstützung und völlig freie Hand. Für Enda Walsh hat
Riede sich entschieden, weil er als Rothaariger dem Iren bei ihrer ersten
Begegnung gleich sympathisch war, beide 1967 geboren sind, und natürlich
weil es das passende Stück für den Schauspieler Alexander Gamnitzer, die
Dachterrasse und den Abschied ist. "Ich bin nicht der Regiezampano, der
brennende Kamele durch Freiburg treibt. Ich möchte eine Geschichte
erzählen. Easy Listening Theater machen, mit entspanntem Sitzen, kurzer
Dauer und Lounging, statt den Leuten mit Meinungen und Ansichten auf den
Wecker zu gehen."
Morgens schreiben, mittags inszenieren, abends
spielen - so könnte sich Riede durchaus seine Zukunftsperspektive vorstellen.
"Mein Beruf ist nicht Schauspieler, Dramaturg oder Regisseur, sondern
Theater." Mit dem Spielort Dachterrasse hat er sich als Regisseur schon
mal in seinen Worten "wie eine Filzlaus im Ärmel eingenistet", und
wer weiß, vielleicht kann er in der nächsten Saison als Regiegast
"langsam bis in die Bauchregion vordringen". Das Schöne an der
Nichtverlängerung seines Vertrags in Freiburg ist, dass er die Zeit bis dahin
in Berlin verbringen kann.
Jürgen
Reuß
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> Der Sonntag (Freiburg / Dreiland)
vom 29. Juni 2003
Dem
lieben Gott ganz nahe
Mit "Misterman"
von Enda Walsh entdeckt das Theater Freiburg das Dach als neue Spielstätte
Im Laufe
des Stücks zählt der "Bodycount" über 500 Leichen, nebst einigen
Hunden und Katzen. Doch "Misterman", gespielt von Alexander Gamnitzer,
hat eine besondere Mission: Er handelt im Auftrag Gottes. Da passt es gut,
dass die Herz-Jesu-Kirche einen Teil des Bühnenbilds abgibt. In der Nacht auf
Samstag hatte das Stück von Enda Walsh auf der Dachterrasse Premiere.
Ganz einfach ist der Weg aufs Dach des Theaters
nicht zu finden, der Zuschauer wird durch geheimnisvolle Gänge gelotst,
vorbei an Werkstätten und Garderoben, dann geht es mit dem Aufzug nach oben.
Auf dem Dach empfängt einen eine Stimmung fast wie bei einem Sommerfest. Das
Pub "Isle of Innisfree" schenkt Bier aus, es gibt entspannte Musik
in fast intimer Atmosphäre: Gerade mal 40 Zuschauer finden auf den Bänken
Platz. Die kaum von den Zuschauern abgegrenzte Bühne zeigt eine
Wohnzimmereinrichtung, man kann einen Blick in die Sozialräume der
Mitarbeiter vom Malsaal werfen. Es scheint, dass es den "public
livingroom" statt im Karma für ein paar Tage auf dem Theaterdach gibt.
Schon vor der ersten Szene ist Regisseur Frank Riede gelungen, was er im Sinn
hatte: lockere Abendunterhaltung, die Spaß macht.
"Misterman" spielt in Innishfree, einer
Ortschaft, die für die Iren eine besondere nationale Bedeutung hat: Das Gedicht
"The Lake Isle of Innishfree" von W.B. Yeats kennt jedes Schulkind
auswendig. Hier lebt Thomas, ein junger Mann, der um seinen verstorbenen
Vater trauert und sich aufopferungsvoll um seine Mutter kümmert. Thomas ereifert
sich über den Verfall der Sitten und die Missachtung der göttlichen Gebote in
seinem Heimatort und greift schließlich, nachdem er von seiner Liebsten
abgewiesen wurde, zur Selbstjustiz.
"Misterman" bedeutet im Deutschen so viel
wie "Jedermann" und besonders Thomas' Mutter, dargestellt von Lisbeth
Felder im Doris-Day-Look, strebt nach einer spießigen kleinen Welt in
schweinchenrosa. Rat sucht Thomas bei seinem toten Vater (Julius Vollmer),
dessen Platz im Himmel effektvoll durch die Herz-Jesu-Kirche im Hintergrund
illustriert wird und von Thomas bei Gott oder sogar als Gott selbst
imaginiert wird. Besessen von Gewalt und Liebe, wird Thomas zum Amokläufer,
dem das halbe Dorf zum Opfer fällt. Obwohl irische und englische Texte für
ihre drastische Sozialkritik bekannt sind, geht es bei Enda Walsh nicht
darum, eine Anklage zu erheben, nicht "schon wieder um ein armes
geprügeltes Kind", wie Frank Riede sagt, der als Schauspieler für ein
Jahr aus Berlin nach Freiburg gekommen ist. Wenn schon Romantik, dann hat man
es mit der deutschen Spielart zu tun: der Suche nach der irischen blauen
Blume. Riede will den Amoklauf seines Protagonisten nicht erklären oder gar
bewerten. Er will einfach eine Geschichte erzählen. Realisiert wird das durch
Alexander Gamnitzer, der in der Art einer "One-Man-Show" nicht nur
den Thomas, sondern auch alle Figuren inklusive eines Hundes spielt, denen er
auf seinem Weg durch Innishfree begegnet. Durch diese Art der Darstellung
zieht Gamnitzer das Publikum in die subjektive Welt des Thomas, von
Sozialromantik ist da nichts zu spüren.
Brit-Pop-Theater ist "Misterman" deswegen
noch lange nicht, auch wenn Riede, dessen Vertrag wegen der städtischen Sparmaßnahmen
nicht verlängert werden kann, gegen das Etikett "Pop" nichts
einzuwenden hat. Wichtig bleibt, dass die ganze Sache dem Publikum Spaß
macht, wie ja auch für die Macher der Spaß die eigentliche Motivation für
ihre Arbeit war. Bei einem Budget von 200 Euro muss man ja auch seine Laune
behalten, keiner aus der Crew bekam schließlich seine freiwilligen Überstunden
bezahlt.
Nicole Büche
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